Pisa und der «Schiefe Turm»

Eine Stadt mit großer Tradition

Auf der Fahrt nach Süden passieren wir Carrara, bekannt für seinen weißen Marmor. Wir fahren an diesem Morgen nur wenige Kilometer bis Viareggio, wo wir einen gefälligen Campingplatz finden und am Nachmittag sogar noch zum Baden kommen. Allerdings haut mich der Strand nicht gerade vom Hocker. Ich mag es nicht, wenn mir dauernd die fliegenden Händler auf den Leib rücken und der Dreck der Zivilisation kaum noch Platz für das Handtuch lässt. Von der Ile d'Oléron bin ich wohl verwöhnt. Der Schmutz an italienischen Stränden ist mir zuwider.
*
Von Viareggio aus fahren wir mit der Bahn nach Pisa. Auf dem Campingplatz steht der Wagen gut. Pisa selbst ist nicht gerade eine Schönheit, die nüchternen Mauern am Ufer des Arno legen Zeugnis davon ab. Weltberühmt ist Pisa wegen seines Schiefen Turmes, der zur Zeit wieder weitgehend aufgerichtet wird. Natürlich darf das nur soweit geschehen, dass man den Ort nicht um sein einmaliges Wahrzeichen bringt. Der Turm gehört zu einem Kirchenkomplex, der aus Dom, Turm und Taufkirche besteht. Hinzu kommen noch weitere Museen, die sich um den Platz herum angesammelt haben und die man natürlich auch besichtigen kann. Unter anderem sind hier außergewöhnliche Handschriften alter Messbücher zu besichtigen.
*
Der Bau des Doms, der gegen die großen Kathedralen des Mittelalters eher bescheiden aussieht, wurde im Jahre 1063 begonnen. Er wurde 1118 geweiht und etwa 40 Jahre später vollendet. Der Dom wurde im römischen Stil und ganz aus weißem Carrara-Marmor errichtet. Der Schwemmlandboden unter dem Dom führte im Laufe des Baues zu zahlreichen Problemen, u.a. zum leichten Absinken nach Osten.
*
Mit dem Bau des Glockenturms (Campanile) wurde etwa 100 Jahre nach dem Dom begonnen. Die leicht gebogene Achse des Turmes lässt erahnen, dass sich der Turm bereits zu Bauzeiten geneigt haben muss. Bis zum Aufsetzen des offenen Glockenstuhls vergingen 100 Jahre, in der sich niemand an die Fertigstellung des Turmes wagte. Als «Schiefer Turm von Pisa» (Torre Pendente) wurde er zum Wahrzeichen der Stadt. Bis 1990 konnte man den Turm noch besteigen, dann wurde er für den Zeitraum der Bauarbeiten geschlossen. Bis zu dieser Zeit neigte sich der Turm um etwa 1 mm pro Jahr. Im Jahre 2000 hätte der Turm danach umstürzen sollen. Heute sorgen schwere Gegengewichte und Seilzüge für das langsame Wiederaufrichten des Turmes. Der Turm diente dem berühmtesten Sohn der Stadt, Galileo Galilei (1564-1642), als Ort seiner Fallstudien, die den Beginn der neuzeitlichen Physik markieren. Die Fallgesetze schufen die Grundlage für die Newtonsche Mechanik, die die Naturwissenschaft revolutionierte.
*
Pisa hat eine sehenswerte, aber nicht gerade umwerfende Altstadt mit einer Reihe weiterer interessanter Gebäude zu bieten, die heute zum Teil zur Universität gehören. Eine weitere Kuriosität sind die Pferdefuhrwerke, mit denen sich Touristen durch die Stadt karren lassen können. Pisa war zur Zeiten der Römer bereits eine bedeutende Hafenstadt, die später zur mächtigsten Seerepublik Italiens aufstieg. 1063 besiegte der mit den Normannen verbündetet Stadtstaat die Sarazenen (Araber) bei Messina und Palermo. Danach dehnte Pisa seinen Einfluss über das gesamte wesentliche Mittelmeer aus. Der Handel und Kreuzzüge bescherten der Stadt einen immensen Reichtum. Aus jener Zeit stammt auch das Domviertel. Im Jahre 1284 wurde die Flotte von den Genuesen bei Livorno vernichtend geschlagen, womit das Ende der Großmacht Pisa besiegelt war. Zudem verlor Pisa seine Bedeutung als Handelsstadt durch die Verlandung des Hafens und liegt heute etwa 10 km landeinwärts.