Zermatt

Adalbert Querkopf über das Lieblingsskigebiet seiner Frau

«Es ist nicht nur das Mat­ter­horn, das al­les über­ragt...», so oder so ähn­lich be­ginnt je­de Lob­hu­de­lei auf Zer­matt. Das Win­ters­ki­ge­biet, wohl ge­merkt. Wer im Som­mer hier hin fährt, der muss jeck sein. Au­ßer zum Wan­dern, na­tür­lich. Aber wer will schon un­ter un­über­seh­ba­ren Gon­del­mas­ten nach Mur­mel­tie­ren Aus­schau hal­ten? Oder Wan­dern, wenn ei­nem die Halb­schuhtou­ris­ten von oben ent­ge­gen kom­men, wo man doch schon um halb fünf ge­früh­stückt hat, um die gro­ße Hö­he zu er­klim­men?
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Som­mers­ki­ge­bie­te ha­ben et­was Be­drücken­des an sich. Da sind die Ge­stal­ten, die nur im Som­mer zum Ski fah­ren fah­ren kön­nen, weil ih­re Au­tos so tief­ge­legt sind, dass sie oh­ne­hin kei­ne Schnee­ket­ten auf­le­gen könn­ten. Und au­ßer­dem kommt das dem Was­sers­ki­fah­rer ent­ge­gen, der hier wun­der­bar üben kann. Dann sind da die gi­gan­ti­schen Er­schlie­ßungs­an­la­gen, die not­wen­dig sind, das Ski­ge­biet über­haupt zu er­rei­chen.
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Lei­der ver­der­ben die­se Ge­stal­ten auch die Prei­se. Im­mer mehr wird das Ski fah­ren in Zer­matt zu ei­nem Ver­gnü­gen für die, die mehr als bes­ser ver­die­nen. Über € 2000 kos­tet ei­ne Wo­che Ski­ur­laub für ei­ne Fa­mi­lie mit zwei Kin­dern, ein nicht zu teu­e­res Ap­par­te­ment vor­aus­ge­setzt, kei­ne Aus­ga­ben für Après-Ski und kein Mit­ta­ges­sen auf der Hüt­te. Der ho­he Stand des Schwei­zer Fran­ken macht die Sa­che nicht leich­ter. Der nach­las­sen­den Zahl der Tou­ris­ten und den wirt­schaft­li­chen Schwie­rig­kei­ten des pro­du­zie­ren­den Ge­wer­bes so­wie ei­nem un­auf­halt­sa­men An­stieg der Kos­ten im Ge­sund­heits­we­sen steht ein An­stieg des Wech­sel­kur­ses ge­gen­über, dem nur noch die Eng­län­der ge­las­sen ge­gen­über ste­hen. Noch. Lei­der. Denn de­ren Be­neh­men und Dis­zi­plin ist auch nicht mehr das frü­he­rer Zei­ten. Aber sie zah­len.
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Zer­matt war bis vor Kur­zem ein Ski­ge­biet für sel­te­ne Vö­gel, so­fern sie nicht des Mat­ter­horns we­gen ka­men. Da gab es ei­ne Rei­he über­las­te­ter Be­för­de­rungs­an­la­gen, hin­auf zum Ro­t­horn, die Gon­del zum Schwarz­see oder nach Furrg oder - fast schon ana­chro­nis­tisch - die Schlepp­lift­kom­bi­na­ti­on vom Gant zur Ro­ten Na­se. Die Ma­te­ri­al­be­för­de­rung zwi­schen der Ro­ten Na­se und Hohtäl­li kennt nur noch mei­ne Frau. Dann die Bahn­ver­la­dung ab Täsch und die Elek­tro­au­tos im Ort.
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Aber ir­gend­wie war das al­les ex­trem ori­gi­nell. Nichts für die Tus­sies, die den Kof­fer­raum ei­nes Mer­ce­des brau­chen, um das Ge­päck für ei­ne Ski­wo­che zu trans­por­tie­ren: «Zer­matt? Zu müh­sam», hö­re ich sie sa­gen, die­se Kö­ni­gin­nen der Halb­ta­ges­kar­te. Und für die war das Ge­biet auch nicht ge­dacht. Das wird sich nun än­dern. Die ein­fa­chen Tei­le des Ge­biets wer­den aus­ge­baut, die auf­re­gen­den, schwe­ren, her­aus­for­dern­den, sport­li­chen Tei­le wer­den viel­leicht bald ver­schwun­den sein. Das Mit­tel­maß hält Ein­zug und mit ihm die schlech­ten Ma­nie­ren beim An­ste­hen an den Gon­deln. Mei­ne Kin­der schüt­teln den Kopf über die­se un­be­hol­fe­nen Ge­stal­ten: «Wa­rum ma­chen die die Gon­deln nicht voll? Wir kön­nen das doch auch!». «Ihr seid auch sehr er­wach­sen», ant­wor­te ich ih­nen. «Wenn sie das Stock­horn schlie­ßen, kom­men wir oh­ne­hin nicht mehr her.»