Rund um die Wal­lo­nie 2026

Fa­zit ei­ner Rad­tour in Bel­gi­en und Nord­frank­reich

Al­len Rei­sen nach Frank­reich oder in die fran­zö­sisch­spra­chi­gen Re­gio­nen Bel­giens oder der Schweiz liegt auch im­mer der Wunsch zu­grun­de, die Spra­che vor Ort zu spre­chen. In der Schu­le hieß es im­mer, man müs­se «fran­zö­sisch den­ken». Das geht be­son­ders gut, wenn man al­lei­ne reist, da es nie­man­den gibt, für den man in die Mut­ter­spra­che aus­wei­chen müss­te. Spre­che ich nach ein paar Ta­gen, die­se Zeit muss sein, mit ei­nem Hol­län­der eng­lisch, fal­len mir bei sel­te­ne­ren Wör­tern erst ein­mal nur fran­zö­si­sche Aus­drücke ein. Ziel er­reicht.

Zum Zeit­punkt die­ser Rad­tour bin ich 67 Jah­re alt. Das ist wich­tig zu wis­sen, wenn ich mich über star­ke Stei­gun­gen är­ge­re, die ich vor 40 Jah­ren ver­mut­lich im Wie­ge­tritt hin­auf ge­fah­ren wä­re. Na­tür­lich fah­re ich oh­ne Mo­tor, denn «Strom­rad­fah­ren ist ge­fah­ren wer­den». Mit der Rad­tour zum Nord­kap hat­te ich mir da­mals ei­nen ei­ge­nen Maß­stab de­fi­niert, von dem ich bis heu­te nicht mehr ab­ge­wi­chen bin.

Was ha­be ich mir die­ses Jahr von Acht­sam­keits­apo­steln, den di­rek­ten Nach­fah­ren der Kan­zel­dron­ner1 und Sonn­tags­sprüch­ler, al­les an­hö­ren müs­sen, weil ich mich ent­schie­den hat­te, trotz der Wet­ter­vor­her­sa­ge mit Tem­pe­ra­tu­ren um 35°C los­zu­fah­ren. Da­bei lau­fe ich bei die­sen Tem­pe­ra­tu­ren erst zur Hoch­form auf. Zwei Jah­re zu­vor hat­te ich an ei­nem sol­chen Tag 150 km ge­fah­ren, lang­sam und bis spät in den Abend, aber oh­ne be­son­de­re Vor­komm­nis­se.

Dass die AfD so er­folg­reich ist, liegt nicht nur an Un­zu­frie­den­heit mit der Po­li­tik. Die Leu­te wol­len ein­fach nicht per­ma­nent von Klug­schei­ßern be­vor­mun­det wer­den. Gen­dern ist so ein lei­di­ges The­ma. Wenn der Schwanz mit dem Hund we­delt, ist es des Gu­ten zu­viel. Sie sind dann auch da­zu be­reit, das Kind mit dem Ba­de aus­zu­schüt­ten.

Dass Je­mand, der solch ei­ne Rei­se tut und solch ei­ne Ent­schei­dung trifft, viel­leicht wis­sen könn­te, was er da tut, wird von die­sen «Neo-Spie­ßern», wie es Die­ter Nuhr ein­mal so über­aus treff­si­cher for­mu­lier­te, schlicht­weg ver­neint.

Am wärms­ten Tag der Tour ver­schan­ze ich mich in der Ju­gend­her­ber­ge von Liè­ge. Bei 37°C treibt es nie­man­den frei­wil­lig nach drau­ßen. Aber hät­te es in ei­nem an­ge­mes­se­nen Ra­di­us ent­lang mei­ner ge­plan­ten Rou­te ei­nen Cam­ping­platz ge­ge­ben, ich hät­te ihn auch bei die­ser Tem­pe­ra­tur an­ge­fah­ren. Tal To­tal 2019 bei 38°C ist al­so noch im­mer un­über­trof­fen.

So bleibt die Etap­pe vom Cam­ping l'eau rou­ge bei Spa Fran­cor­champs zum Cam­ping Les Mu­rets in Es­neux mit 63 km und 715 Hö­hen­me­tern die ein­zi­ge Tour bei 35°C. Das war an­stren­gend, vor al­len we­gen der vie­len sehr stei­len Stei­gun­gen, aber auch ir­gend­wie kühn. Am Abend war ich zwar mü­de, aber kei­nes­wegs ge­schafft. Und nichts geht über die lau­en Näch­te solch hei­ßer Ta­ge. Das ist Ge­nuss pur am Zelt, da­zu ei­ne Fla­sche Côte du Rhô­ne und kurz vor dem Schla­fen­ge­hen ei­ne oder zwei Tas­sen Fair­tra­de Kaf­fee. Auf dem Schlaf­sack lie­gend schläft man ein. Ir­gend­wann in der Nacht, wenn es käl­ter wird, krab­belt man hin­ein.

Die ho­hen Tem­pe­ra­tu­ren ha­ben mich auch nicht da­von ab­ge­hal­ten, die län­ge­re der bei­den Va­ri­an­ten zu fah­ren, die ich mir zu­recht­ge­legt hat­te. Ich hät­te bei Calais über den Eu­ro­vélo 5 nach Na­mur und über den Eu­ro­vélo 3 über Liè­ge und Aa­chen zu­rück­fah­ren kön­nen. Dass ich bis zur Mün­dung der Som­me durch­ge­hal­ten ha­be, rech­ne ich mir hoch an.

Noch un­be­an­tor­tet ist die Fra­ge nach dem High­light der Tour. Das wird auch so blei­ben. Es gab we­der ei­nen emo­tio­na­len noch ei­nen land­schaft­li­chen Hö­he­punkt. Es gab eher an je­dem Tag ei­ne Be­son­der­heit, die die Fahrt ge­lohnt hat. Dass ich am Canal du Nord tat­säch­lich ei­nen Ab­ste­cher über ei­nen gar scheuß­li­chen Trak­tor­weg zum Por­tal des Tun­nels ge­macht ha­be, an dem ich das Rad zu­rück­las­sen muss­te, hat Bil­der ge­bracht, die kaum ein An­de­rer hat, der nicht dort lebt. Und dass ich an die­sem Abend dann noch 146 km ge­schafft ha­be, war wert­voll für das Fort­kom­men, aber mehr auch nicht. (Noch nie hat mir ein küh­les Stel­la Ar­tois so gut ge­schmeckt wie an die­sem Abend.)

Viel­leicht kommt die Fahrt auf dem Rad­weg ent­lang der Som­me dem High­light der Tour am nächs­ten. Ich hat­te um Oos­ten­de ent­lang der Küs­te ge­gen ei­nen sehr hef­ti­gen Wind aus Nord­west an­fah­ren müs­sen. So stel­le ich mir Rad­fah­ren in Hol­land vor. Su­per. Erst als ich hin­ter Calais nach Sü­den fah­re, wird es bes­ser. Und an der Som­me ist das dann Rücken­wind vom Feins­ten.

Der Somme-Rad­weg ist sen­sa­tio­nell in Schuss. Der ka­na­li­sier­te Fluss wird tat­säch­lich von Fracht­schif­fen be­fah­ren, aber sel­ten. Das ver­leiht ihm das Am­bien­te ei­ner ge­wis­sen Ex­klu­si­vi­tät, als wä­re der Kanal nur für mich ge­macht. Von we­ni­gen Aus­nah­men ab­ge­se­hen, meist Ein­hei­mi­sche, die am Kanal lau­fen oder Rad fah­ren, bin ich hier al­lei­ne un­ter­wegs. Die Tou­ren­fah­rer grü­ßen sich. Oh­ne Aus­nah­me. Der Fluss ist blau, die Land­schaft saf­tig grün und von ei­nem wol­ken­lo­sen Him­mel scheint ei­ne freund­li­che, und kei­nes­wegs ei­ne un­barm­her­zi­ge Son­ne.

Emo­tio­nal sind si­cher auch die Grenz­über­trit­te, fünf an der Zahl auf die­ser Rei­se. Viel­leicht steht an ei­nem der RAVeL-Wege ein Schild, das ei­nen im an­de­ren Land will­kom­men heißt. Viel­leicht er­kennt man aber auch nur an der Art und Far­be der Be­schil­de­rung, dass da wohl ei­ne Gren­ze ge­we­sen sein muss. Wol­len wir wirk­lich wie­der hin­ter die­sen Punkt zu­rück? Ich je­den­falls nicht.

Ich hat­te un­ter­wegs um­pla­nen müs­sen, weil ich für die Fahrt durch Lu­xem­burg ei­nen viel zu lan­gen Weg vor­ge­se­hen hat­te. Da­bei war mir auf­ge­fal­len, dass Ko­moot er­heb­li­che Un­ter­schie­de lie­fert, wenn man von «nor­mal» auf «land­schaft­lich reiz­voll» um­schal­tet. Die nor­ma­le Stre­cke ist kurz, die Stre­cken­füh­rung oft frag­wür­dig. Sie folgt oft Rad­we­gen ent­lang gro­ßer Stra­ßen, aber auch, wenn dort nur ei­ne Alibi-Spur mar­kiert ist und ein LKW bei Ge­gen­ver­kehr nicht über­ho­len kann. Vor Pa­ris hat mich Ko­moot aber auch schon auf ei­ne Stre­cke ge­schickt, die ei­ne vier­spu­ri­ge, ehe­ma­li­ge Na­tio­nal­stra­ße war. Das Um­pla­nen geht sehr ein­fach, das muss man be­to­nen, aber wenn man in der pral­len Son­ne am Ran­de ei­ner sol­chen Stra­ße steht und das Able­sen des Bild­schirms schwie­rig wird, ist das trotz­dem ei­ne Her­aus­for­de­rung. Beim nächs­ten Mal wer­de ich bei­de Va­ri­an­ten nut­zen und auf Brauch­bar­keit und Kom­bi­nier­bar­keit un­ter­su­chen.

Die Ent­täu­schung der Rei­se kann man in ein Wort fas­sen: «Saar­land­rad­weg». Ich hat­te schon beim Hö­hen­pro­fil ge­se­hen, dass der Teil, den ich zwi­schen Re­mich und dem Bo­stal­see fah­ren woll­te, gro­ße Hö­hen­un­ter­schie­de auf­wies. Aber das ist al­les kein Pro­blem. Was sind schon 1.000 Hö­hen­me­ter mit Ge­päck, wenn die Stei­gun­gen mo­de­rat sind? Lei­der, und das liegt nicht an mei­nem Al­ter, ist die Tras­se von Ge­stal­ten ge­plant wor­den, die noch nie ein Fahr­rad oh­ne Mo­tor ge­fah­ren ha­ben. Die Steil­heit bis zu 15% ist ei­ne Frech­heit. Zu­dem wies die ein­zi­ge wirk­lich fla­che Pas­sa­ge ent­lang der Saar un­zäh­li­ge, tie­fe Schlaglö­cher auf. Mie­se Qua­li­tät. Die Saar­län­der soll­ten sich für das, was sie da «Rad­weg» nen­nen, schä­men!

Ich ha­be den Na­herad­weg jetzt ein­mal ge­fah­ren. Das reicht. Von viel zu klei­nen Ab­schnit­ten ab­ge­se­hen ist man meist in Ort­schaf­ten un­ter­wegs, die zu­dem vom Orts­bild her nicht im ge­rings­ten über­zeu­gen kön­nen. Idar-Ober­stein hat ei­ne Art Alt­stadt, aber auch ei­ne Fluss­über­bau­ung, die im Stu­di­um zur Stadt­pla­nung im­mer wie­der als Ne­ga­tiv­bei­spiel her­vor­ge­ho­ben wur­de. Ver­lässt man Bad Kreuz­nach, wird man auf den Na­he­deich ge­führt. Rechts In­dus­trie und links ei­ne Bra­che, die als Ver­an­stal­tungs­ge­län­de ge­nutzt wird, al­les kein schö­ner An­blick. Auf der Lis­te der wie­der zu be­su­chen­den Zie­le rutscht er ganz weit nach hin­ten.

Ein­kau­fen ist ein The­ma, dem ich un­ger­ne Auf­merk­sam­keit schen­ke, aber wenn man in Frank­reich den Kanä­len folgt, soll­te man sich im Vor­feld über­le­gen, wo das über­haupt geht. Selbst Bä­cke­rei­en wer­den im­mer sel­te­ner. Die klei­nen Su­per­märk­te, an de­nen man fast al­les be­kommt, ver­kau­fen auch Brot. We­gen der klei­nen Men­gen, die man auf ei­nem Fahr­rad trans­por­tie­ren kann oder will, be­zahlt man auf ei­ner Rad­tour fast im­mer Höchst­prei­se. Aus­drücke wie «Men­gen­ra­batt» und «Sat­tel­ta­sche» ver­tra­gen sich ir­gend­wie nicht so rich­tig. Und auch die Idee, den al­ten Ko­cher durch ei­nen mo­der­nen Pri­mus Gas­ko­cher mit Schlauch­zu­fuhr zu er­set­zen, hat sich nur mä­ßig be­währt. Die Tech­nik ist su­per, die Kar­tu­schen nach­zu­kau­fen schwie­rig.

Ein Wort zum de­fek­ten Frei­lauf. Was zu­nächst nach ei­nem Pro­blem in der Ab­fahrt aus­sah, ent­pupp­te sich beim ge­nau­en Hin­se­hen als Pro­blem beim An­fah­ren, beim Über­fah­ren von Qu­er­ril­len, so­wie beim An­hal­ten. Beim An­fah­ren muss ein Gang ein­ge­legt sein, der sehr groß ist, da­mit man mit dem zwei­ten Fuß auf der Pe­da­le ist, be­vor der ers­te nach un­ten durch­ge­tre­ten ist. Das ist Ra­ke­tentech­nik, denn wenn der zwei­te Fuß nicht auf die Pe­da­le kommt, muss man den Start mit­tels Voll­brem­sung ab­bre­chen. Man ist auch ge­wohnt, am Über­gang zu Schot­ter­stre­cken und an Qu­er­ril­len, wie sie z. B. durch Wur­zelauf­brü­che ent­ste­hen, in den Frei­lauf zu ge­hen. Auch da muss man wei­ter­tre­ten.

Hat sich die Tour ge­lohnt? Ja, ganz be­son­ders we­gen des gu­ten Wet­ters. In mei­nen Ur­lau­ben ha­be ich meist ein an­ge­mes­se­nes Wet­ter, aber drei Wo­chen prak­tisch oh­ne Re­gen (ein­mal wur­de ich mor­gens ei­ne Stun­de lang im Zelt fest­ge­hal­ten), das grenzt an ei­ne di­rek­te Ver­bin­dung zum Wet­ter­gott ...


1 «Dron­nen»: (im Ber­gi­schen Land) Lang­wei­len sei­ner Zu­hö­rer mit ei­ner nichts­sa­gen­den Pre­digt.