Rund um die Wallonie 2026
Eine Fahrradtour in Belgien und Nordfrankreich
Vorwort
In den Geschichten über die Fahrten nach Paris ist die Ausrüstung recht genau beschrieben, dort wird auch das Kühlsystem für die beiden Trinkflaschen am Rad erläutert. Auch wenn sich das Nachfüllen aus einer mitgeführten Flasche per Schlauch auf dieser Reise nicht bewähren wird, halten die Hüllen aus Frotteestoff das Wasser selbst bei Temperaturen um 35°C angenehm trinkbar, solange man sie feucht halten kann. Da nur Brauchwasser erforderlich ist, bekommt man es an Brunnen oder direkt aus einem Bach oder einem der französischen Kanäle, wenn man es z. B. mit einem Stück Stoff hochholen kann.
Die Beladung entspricht sehr genau der der beiden Radtouren nach Paris, allerdings nehme ich die kleinen Packtaschen wieder nach vorne. Die Halterung der Lenkertasche ist mit einer Verstrebung aus Aluminium jetzt dauerhaft gegen Absenken gesichert, egal wie schlecht der Straßenzustand ist. Der Campinggaskocher C206 ist durch einen Kocher von Primus ersetzt worden, der durch einen Schlauch verbunden ist und dessen Ventil in der Kartusche sitzt. Daher steht der Kochtopf sehr niedrig, weshalb das ganze System nicht mehr so wackelig daherkommt wie das alte.
Im folgenden Text werde ich die Abkürzung «Hm» oder «Δh» für Höhenmeter benutzen. Im Gegensatz zum Ski fahren ist hier «bergauf» die Zielgröße.
Tag 1: Bonn - Camping Fringsmühle, Ahrdorf, 70 km, 580 Hm
Mittwoch, der erste Tag der Tour. Es ist sehr heiß und die Luftfeuchtigkeit hoch. Ich fahre trotz der Warnung vor Extremtemperaturen los, denn was ist die Alternative? Regen? Dann doch lieber zu heiß als zu nass. Die Enstscheidung wird sich als goldrichtig erweisen.
Der Radweg an der Ahr war fünf lange Jahre praktisch nicht existent, bis auf die Umleitungen
zwischen Bad Neuenahr und der Mündung. Die zum Rheinradweg gehörende Brücke hatte man ziemlich
flott ersetzt, innerhalb von zwei Jahren. Im Rahmen der Planung der Radtour las ich, dass ein
weiteres Teilstück bis zu meinem Starttermin freigegeben würde. Ein triftiger Grund, den Anfang
der Reise auf die neue Trasse zu legen.
Dieser neue Abschnitt ist zwischen Dernau und Rech noch ziemlich provisorisch, aber die 47er Bereifung kommt mit jeder Art von Schotter gut zurecht. Ein Bagger, der an dem Abschnitt arbeitet, lässt mich nach kurzer Wartezeit passieren, und die neuen Streckenabschnitte entlang der Eisenbahn sind tadellos asphaltiert und markiert.
Die Abschnitte auf der Bundesstraße bewältige ich ohne Zwischenfälle. Das ist nicht selbstverständlich
wegen der oft rücksichtslosen Fahrweise der Autofahrer im Ahrtal. Der schon immer fehlende und sehr
lästige Abschnitt bei Schuld soll im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen an der Bahnstrecke ebenfalls
ausgebaut werden.
Am Nachmittag rollt die Hitzewelle durchs Tal. Das Fahren wird mühsam, aber ich kontere diese besondere Anstrengung mit Musik von meinem Streaming-Dienst und einem recht guten Lautsprecher, den ich mit einem leichten Karabienerhaken an der Lenkertasche baumeln lasse. Voll aufgeladen kann ich damit praktisch den ganzen Tag bestreiten. Auf den 70 Kilometern verbrauche ich 4½ Liter Wasser, weitere 3½ am Zelt, davon 1 l Bitburger.
Gute 10 km vor dem Ziel gehen mir dann doch die Kräfte aus. Ich schleppe mich in den kleinen Ort
Antweiler, wo ich auf eine Dorfkneipe treffe. Dort ist gerade ein Reuzech im Gange. Aber scheinbar
werde ich als Abwechslung wahrgenommen, denn eine freundliche Dame organisiert Verpflegung, frisches Wasser,
sowie zwei Brötchen mit Wurst und Käse. Eines davon esse ich, eines packe ich ein für den Abend.
Der Campingplatz Fringsmühle ist schön angelegt, hat große Stellplätze, sauber und gepflegt. Zwei Straßen verlaufen in Hörweite, insbesondere Motorradfahrer nerven mit ihrem Lärm. Der Platz hat einen kleinen Laden, u. a. auch kalte Getränke. Ich kaufe insgesamt drei Flaschen Bit. Danach koche ich erstmals auf dem neuen Primus-Gaskocher einen Kaffee. In dieser lauwarmen Nacht schlafe ich zunächst auf dem ausgerollten Schlafsack, irgendwann in der Nacht krabbel ich dann hinein. Am Morgen stelle ich erfreut fest, dass ich gut geschlafen und nicht geschwitzt habe.
Tag 2: Camping Fringsmühle - Camping l'eau rouge, Spa Francorchamps, 98 km, 680 Hm
Ich stelle den Wecker auf 6 Uhr täglich. Ich bin vor dem Wecker wach und starte früh mit 3½ l Wasser
an Bord. Zunächst fahre ich ein Stück alte Eisenbahntrasse, dann ein wildes auf und ab über die Dörfer
bis zur Kyll, ab wo ich dem Kyllradweg folge, der bald auf einer Eisenbahntrasse (Venn-Querbahn)
fortgeführt wird. Er wechselt zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hin und her, bis er
schließlich an der belgischen Grenze nahtlos in den RAVeL 45a übergeht. 17 km später trifft
dieser auf die Vennbahntrasse, der ich wenige Kilometer bis Waimes folge. Dort hatte ich mich in
Richtung Paris einmal verfahren, jetzt muss ich diesem Abschnitt in Richtung Stavelot folgen.
In Waimes frage ich in einer Apotheke nach einem Lebensmittelladen. Ich gehe noch einmal rein
mit einer Wasserflasche und lasse sie füllen. Die Madame hat Humor: «Bevor Sie umfallen und wir sie
retten müssen, fülle ich Ihnen doch lieber die Flasche.» Danach fahre ich zur Tankstellle und kaufe
eine Flasche Rotwein und eine Cola, Original Taste, die ich zur Hälfte vor Ort leertrinke. Zuletzt
drehe ich eine überflüssige Runde im Ort, um wieder auf die Trasse zu kommen.
Ich passiere in sengender Hitze Malmedy und erreiche den Eisenbahntunnel vor Stavelot, wo es bereits 25 m vor dem Ostportal empfindlich kälter wird. Sehr angenehm. Wenige hundert Meter nach dem Tunnel verpeilt Komoot dann die Abfahrt nach Spa, die hier spitz, halt einer Weiche gleich, abzweigt. Ich hatte die Trasse aber schon auf dem Schirm und verfahre mich folglich nicht.
Gleichmäßig steil ansteigend liegt sie bald sehr viel höher als der Campingplatz, den ich für die
Übernachtung hier ausgesucht hatte. Die geschotterte Abfahrt in freiem Fall hinunter durch den Wald
ist wieder etwas für Spezialisten. Es gibt aber sonst nur eine schmale, stark befahrene Hauptstraße.
An der Rezeption belügt man mich, man hätte keinen Platz mehr frei. Erst als ich die Keule auspacke, die Angabe meines Alters, weist man mir einen Platz zu. Eine Zeltwiese, wie man sie oft findet, gibt es hier nicht. Da an diesem Abend zwei Plätze in meiner Nachbarschaft frei bleiben, ist offensichtlich, dass man noch auf Campingwagen mit mehreren Gästen pro Fahrzeug spekuliert hatte. Der Hintergrund dürfte das anstehende 24 Stunden Rennen von Francorchamps gewesen sein. Der Lärm des Training ist ohrenbetäubend, endet gegen 23 Uhr und startet irgendwann nach Mitternacht erneut. Ich werde zwar wach, schlafe aber umgehend wieder ein. Daran dürfte auch der Côte du Rhône seinen Anteil haben.
Tag 3: Camping l'eau rouge - Camping Les Murets, Esneux, 63 km, 715 Hm
Ich hatte bereits am Abend bemerkt, dass ich bei dem Versuch, den Campingadapter in den Stromkasten einzustecken, Wespen aufgescheucht hatte. Am nächsten Morgen will ich das Smartphone ein letztes Mal aufladen, da gehen urplötzlich zahllose Wespen auf mich los. Ich registriere zwei Wespenstiche, die aber entweder oberflächlich sind oder die ich einfach gut wegstecke. Jedenfalls gebe ich den Gedanken ans Aufladen auf. Der Forumslader muss es halt während der Fahrt tun, was in einer Hügellandschaft wegen der niedrigen Geschwindigkeiten aber nicht gut funktionieren wird.
Dass ich bis zur Bahntrasse würde schieben müssen, war schon am Vorabend klar; am Ende sind es aber nur zwei kurze Abschnitte des Anstiegs, einer wegen losem Schotter, der andere ist zu steil. Danach geht es im Schatten bis Hockei moderat bergauf. Ich passiere einen weiteren Campingplatz, der an diesem Freitag vor dem Rennen voll belegt ist.
Nach der Passhöhe geht es in flotter Fahrt bis hinunter nach Spa. Im Ort kaufe ich bei einer sehr freundlichen jungen Dame zwei Croissants und ein Pain complet. Ich treffe hier auf den RAVeL Ourthe, der schon bald nach dem Ortsausgang mit der ersten Steigung aufwartet. Bei Winamplanche trennt sich der von mir nach Nummern digitalisierte Weg vom RAVeL-Weg. Ich fahre meinen Nummern nach und komme bald nur noch durch Kurvenfahren überhaupt den Berg hoch. Auf der Höhe treffe ich wieder auf den RAVeL-Weg, der mich über die weiteren Höhen begleitet. Unterwegs frage ich an einem Haus unmittelbar am Weg nach Wasser, was mir genug beschert für den Tag.
An einem Gehöft kurz hinter Playe und der Durchfahrt unter der Autobahn E 25 hocke ich mich unter einen Baum und mache Mittag. Der Anblick der nächsten Steigung zwingt mich zu einer Pause. Da es hier ohnehin keine Bänke gibt, baue ich den Campingstuhl auf. Die schmale Straße ist zwar wenig befahren, aber immer wieder fahren Autos vorbei. Nach mehr als einer Stunde mache ich mich wieder auf den Weg. Der Aufstieg ist steil, aber das Essen hat gutgetan.
Bei Rivage treffe ich dann erstmals auf die Ourthe selbst. Danach geht es eben entlang des Flusses bis Esneux, wo ich mich dann entgültig verfahre. Der Bildschirm ist wegen der großen Helligkeit des Tageslichts schwer abzulesen, selbst im Schatten, und über die erbärmliche Sprachausgabe von Komoot hatte ich mich schon im Rahmen der Fahrt nach Paris ausgelassen.
Am Ende erreiche ich nach über 700 Höhenmetern und bei Temperaturen über 32°C den Camping Les Murets. Man kann eine Pizza bestellen und das Jupiler aus der Flasche ist kalt. Der Platz ist ordentlich geführt, es gibt eine Stelle zum Aufladen von Smartphones an der Rezeption, dazu eine Art Kaffeeautomat, sowie einfache aber saubere Duschen.
Tag 4: Camping Les Murets - JH Liège, 17 km, 35 Hm
Vor der Abfahrt wasche ich meine Radklamotten an einem dazu vorgesehenen Waschbecken. Sie werden auf der Zeltrolle befestigt und im Laufe des äußerst kurzen Tages trocknen. Die JH Liège nimmt keine Reservierungen über Telefon entgegen. Entweder bucht man übers Internet oder man fährt hin. Ich entscheide mich für Letzteres, da die Herberge ohnehin genau auf dem geplanten Weg liegt.
Die Einfahrt in die Stadt erfolgt über Bel Île entlang der Maas. Die JH liegt im Zentrum von
Liège, eingeschlossen von der Maas (la Meuse) und einem Kanal, la Dérivation, was sich mit
Abzweigung oder Ableitung übersetzen lässt. Die JH ist über die Passerelle Saucy mit dem
linken Ufer der Maas verbunden. Die Anfahrt erfolgt dank moderner Navigiation problemlos.
Ebenso einfach ist das Einchecken. Das Fahrrad wird durch die Eingangshalle geschoben, in
der sich neben der Rezeption auch eine Bar befindet. Die Halle ist zugleich Treffpunkt für
Gruppen und Tische sorgen dafür, dass man sich ordentlich verpflegen kann. Das Rad wird im
Hof abgesstellt oder über eine Treppe in den Keller getragen.
Belgien hat acht Jugendherbergen. Weder für Namur noch für Liège ist ein JH-Ausweis erforderlich. Ich zeige ihn trotzdem vor, was mir überraschender Weise eine 10%-ige Ermäßigung beschert, sodass ich letztlich für 28,90 Euro übernachte, Frühstück inbegriffen.
Der Tag hatte echt gruselig angefangen. Das Telefon war in der Nacht ausgefallen, weshalb ich eine
halbe Stunde zu spät aufgestanden war. Die Powerbank des Gleichrichters war ebenfalls leer und der
Rest des Käses hatte Beine bekommen in Form von Maden, die ich vor dem Frühstück erst einmal
zur Seite schaffen musste ...
Nach meiner Ankunft um 11 Uhr lade ich zunächst noch Uhr und Smartphone auf. Da die Vergaabe der Schlafplätze erst am frühen Nachmittag erfolgt, mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Die Kathedrale ist der einzige kühle Ort ohne Klimaanlage. Da der nächste Campingplatz auf meiner geplanten Route knapp 100 km entfernt ist, ist es klüger, die erwarteten 37°C in der JH zu verbringen als mit beladenem Rad auf der Straße. Tatsächllich wird der Wert an diesem Tag auch erreicht. Das Besondere ist, dass die Temperaturspitzen in diesem Sommer regelmäßig erst gegen 18 Uhr auftreten. Als ich etwa um diese Zeit einkaufen gehe, ist kein Mensch auf der Straße und der Unterschied zwischen gekühltem Geschäft und draußen enorm.
In der JH treffe ich auf einen Franzosen, vielleicht fünf Jahre jünger als ich, der auch mit dem
Rad unterwegs ist. Er behauptet, 30 kg Gepäck dabei zu haben, was meine Zuladung um 5 kg
übertreffen würde. Er ist jeden Morgen gegen 7 Uhr unterwegs, ohne Frühstück, um die kühlen Stunden
des Tages zu nutzen. Wir erzählen ein wenig und ich verstehe ihn gut. Den Abend untermalen wir
mit der einen oder anderen Flasche Jupiler, die hier wie üblich 0,25 l enthält. Anders als
ich macht er jeden sechsten Tag einen Ruhetag. Daher treffe ich ihn am nächsten Morgen entspannt
beim Frühstück.
In so einer Nacht würde ich natürlich lieber im Zelt schlafen. Irgendwer aus dem Viererzimmer hat an der Rezeption einen Ventilator ornanisiert, der die ganze Nacht über läuft. Wieder sind es zwei junge Holländer, die mir übel auffallen. Sie haben ihre Betten vor dem Weggang in die Stadt nicht gemacht und schlafen auf der gummibeschichteten Matraze, weil sie dazu, um 5 Uhr auftauchend, weder willens noch in der Lage sind. Als sie mir den Ventilator vor die Nase stellen, fauche ich sie an. Das Ding wandert auf einen der Schränke. Dass es in Liège keine Nachtruhe gibt, hatte ich gelesen. Das stört mich nicht. Im Gegensatz zu schlechtem Benehmen.
In der Nacht regnet es erstmals heftig, begleitet von Windböen, die mein Fahrrad im Hof umwerfen. Dabei kühlt es kaum ab. Trotz alledem schlafe ich erstaunlich gut. Ausgeruht bin ich einer der ersten beim Frühstück.
Tag 5: JH Liège - Camping Bergendal, Loonbeck, 90 km, 540 Hm
Sonntag. Ich frühstücke ausgiebig. Da ich wegen meiner Erkrankung ohnehin nicht essen kann ohne zu trinken, nehme ich gleich zwei Tassen am Automaten und stelle sie aufs Tablett. Der Kaffee ist gut, der Orangensaft auch.
Kann man nicht an der Maas bleiben, muss man in Liège überall steil den Berg hoch. In Richtung
Aachen hat man eine sensationelle Lösung implementiert, die der alten Bahntrasse folgt. Damit
erklimmt ein voll beladenes Tourenrad die Höhen ohne Probleme. Nach Westen hin hat man unter
der E 25 in Höhe der Auffahrt Liège Centre einen Radweg angelegt, der in nicht zu engen
Serpentinen Höhe gewinnt. Eine Treppe erlaubt Fußgängern einen schnellen Aufstieg. Der
Höhenunterschied von 20 m würde für den direkten Aufstieg eine 15%-ige Steigung bedeuten.
Am Beginn der Auffahrt treffe ich auf einen aktuellen Aufruf für Kidical Mass Demos in der Stadt. Von der Demo in Remscheid im Vorjahr habe ich noch einen Aufkleber auf dem Rad.
Nach dieser erfreulichen Erfahrung mit dem Rad folgt sogleich eine unerfreuliche, diesmal sind
es zwei überaus unverschämte Polizistinnen. Sie haben auf der Rue Albert Charlet an einer Brücke
eine Straßensperre eingerichtet, aber nur mit «Verbot der Einfahrt». Ich diskutiere mit ihnen,
ob man ein beladenes Rad nicht vorsichtig passieren lassen könne, aber das ruft die für Frauen
typischen Rechthabereieffekte auf den Plan: «Wir sind die Polizei, mit uns wird nicht diskutiert.»
Na, da kennen sie mich aber schlecht. Ich sage ihnen, dass ich mit ihrem Vorgesetzte sprechen will, was sie augenscheinlich richtig wütend macht. Dann gebe ich an, dass ich unter die Brücke fahren müsse, um den Bildschirm ablesen zu können, im Schatten. Das führt wiederum dazu, dass sie mir den Weg versperren. Neben dem Polizeiwagen gibt es Schatten, an dem Fahrzeug komme ich nicht vorbei, also lasssen sie mich dort hin. Ich frage sie, wo denn die Sperre ende. Sie möchten mir das doch bitte auf der Karte zeigen, damit ich den Bereich umfahren kann. «Bis dahin, irgendwo.» Die Chefin der beiden zeigt auf einen Weg mitten im nächsten Ort. Inkompetenz mag ich besonders. Immerhin kann ich im Schatten eine nur für das Fahrrad zugängliche Umfahrung erkennen. Ich folge dem Weg, an dessen Ende ich den Polizeiwagen in etwa 200 m Entfernung unter der Brücke erkennen kann.
Auf der Umfahrung komme ich der Landebahn des Flughafens Liège bis auf wenige Meter nahe. Zunächst folge ich Ortsstraßen. Dann lenkt mich meine umgeplante Tour auf die N 3, an der ich unglaubliche 24 km entlang fahre. Der Radweg ist gut ausgebaut und oft mehrere Meter von der Fahrbahn getrennt. Er ist sauber und der Wind ist nicht gegen mich. Und weil es Sonntag ist, gibt es auch keinen lästigen Lastkraftverkehr. An einer Tankstelle mit einem gut ausgestatteten Shop kaufe ich ein.
Für meine Geduld werde ich dann doch noch belohnt. Auf dem Weg nach Sint-Truiden beginnt hinter einer Kaserne mit einem Starfighter als Ausstellungssstück die Bebauung entlang der Nationalstraße. Die Häuser sind soweit zurückgesetzt, dass man davor parken kann, ohne Radfahrer zu behindern. Bestimmte Häuser haben sehr offensichtlich «Laufkundschaft». Nicht nur dass einige der eingeschossigen Ein- oder Zweifamilienhäuser eindeutig erotische Namen tragen, der zu Brustem gehörende Luikersteenweg, wie die N 3 hier heißt, ist als Rotlichtviertel gelistet. Hinter großen Glasscheiben werben spärlichst bekleidete Damen um Freier.
Zwischen dem Ortsausgang von Sint-Truiden und Tienen führt der Weg für mehr als 13 km über eine alte Bahntrasse. Dann schließen sich Nebenstraßen an, die etwa 10 km vor Sint-Joris-Weert an einem Waldweg enden, der mit leichtem auf und ab bis in den Ort führt, ein sehr schöner Weg durch den Wald. Aus dem Waldschatten kommend folgen Nebenstraßen und ordentliche Feldwege bis Loonbeek, teils entlang eines Bachs. Die letzten 50 Hm vom Bach zum Campingplatz Bergendal sind extrem, zuletzt muss man einen Hohlweg bezwingen, der sehr steil ist und nur in trockenem Zustand hinreichend Griff bietet. Am Platz gibt es kalte Getränke aber keinen Alkohol. Die Zeltwiese ist üppig groß und von altem Baumbestand umringt. Der Luftverkehr des Flughafens Brüssel ist deutlich wahrnehmbar.
Tag 6: Camping Bergendal - Camping De Gavers, 88 km, 515 Hm
Es ist der einzige Moment der dreiwöchigen Reise, der vom Regen bestimmt wird. Ich wache vor meinem Wecker auf, was oft passiert, etwa eine Viertelstunde früher, und höre ihn fallen. Der erste Blick gilt folglich dem Regenradar, das ich für die Reise auf meinen aktuellen Standort zugreifen lasse. Das Regenband ist klein und soll bis Punkt 7 Uhr vorbeigezogen sein. Ich breche daher mit einer Stunde Verspätung auf.
Der erste Abschnitt wird von schlechten Straßen und starken Steigungen geprägt. Der Lohn ist eine von Straßenverkehr unbehelligte Fahrt über Land. Ich hatte die Tour über Löwen (Louvain) gelegt, um alle größeren Städte in der Region einmal zu sehen. Beim Umplanen der Route hatte ich übersehen, dass sich eine Stichstrecke nach Löwen ergeben hatte. Ich verfahre mich an dem entscheidenden Kreisverkehr. Als ich dahin zurückkehre, behauptet Komoot, ich sei zurück auf der Strecke und solle links abbiegen. Diese Anweisung überspringt die Stichstrecke nach Löwen und lenkt mich direkt auf den Radweg nach Brüssel. Als ich den Irrtum bemerke, bin ich schon drei Kilometer in Richtung Brüssel unterwegs. Ich kehre nicht mehr um.
Die Anfahrt auf Brüssel ist grotesk. Der Radweg ist perfekt ausgebaut, neu, aber er folgt mit Konsequenz der Autobahn. Kurzzeitig verlässt er diese und geht über Land. Am Ende ist man wieder an der Autobahn. Der Abstand beträgt etwa 30 m, aber nur da, wo der Radweg tiefer liegt als die Autobahn, kann man in Ruhe fahren. Ansonsten ist der Lärm ziemlich heftig. Wäre ich meinem ursprünglichen Plan gefolgt, hätte ich nicht nur die Autobahn gemieden, ich hätte auch Löwen und Kortenberg gesehen.
Die auf dem Radwegesystem aufbauende Planung von Komoot führt mich eher zufällig an dem Gebäude vorbei, in dem die EU-Kommission ihren Sitz hat. Ich mache dort eine kurze Pause aber nur ein Selfie, das von sozialen Medien völlig zu Recht nach 24 h wieder gelöscht und daher hier auch nicht gezeigt wird. Danach fahre ich in den Parc de Bruxelles/Warandepark. Brüssel ist konsequent zweisprachig, was vor allem dann nervt, wenn die Navigation alle Straßennamen zweimal aufsagt, einmal Französich auf Deutsch und einmal Flämisch auf Deutsch, beides nicht sehr überzeugend.
Im Park treffe ich auf zwei deutsche Mädels, die ihr Abitur gemacht haben und nun auf Europareise sind. Der Park wird von einem großen Springbrunnen dominiert, der während der Pause im Gegenlicht liegt und so auch einem Fotoshooting entgeht. Ich komme recht gut aus der Stadt wieder hinaus, der einzig offensichtliche Umweg ist einer Baustelle geschuldet. Ich verlasse Brüssel über Anderlecht, passiere einige kleinere Ortschaften, um dann der Eisenbahnlinie von Scheepdal bis kurz vor Denderleeuw zu folgen. Dabei wechselt die Nebenstraße oder der Radweg immer wieder die Seiten.
Der Camping Reamerik in Denderhoutem ist stillgelegt. Das hatte ich aufgrund
fehlender Suchtreffer und mangels Telefonverbindung bereits vermutet. Mit der
Gelassenheit der Fliege auf meinem Daumen nehme ich die Richtungsänderung
in kauf. Ich telefoniere mit dem Camping De Gavers, der 27 km entfernt ist.
Große Teile des Wegs sind Nebenstraßen oder Radwege entlang eines Flusses, Dender,
der kanalisiert wirkt aber kein Kanal ist. So endet die Fahrt nach dem Lärm der
Autobahn nahe Brüssel doch noch irgendwie idyllisch. Allerdings findet Google
(das Programm nutze ich für alle letzten Kilometer zum Ziel)
bei der Zufahrt zum Campingplatz wieder eine Art Abkürzung, die mich auf einen
so engen Trampelpfad führt, dass ich zwischen den Zäunen und Mauern mit der
breiten Zeltrolle kaum durchkomme.
Der Campingplatz liegt an einem ausgedehnten Naherholungsgebiet, von dem er auch den Namen übernommen hat, hat eine schöne, große Zeltwiese in der Nähe der sanitären Anlagen, ist gepflegt, ausgesprochen freundlich geführt und wird von einem Shop flankiert, in dem ich Sonnencreme kaufe. Den Bedarf hierfür hatte ich unterschätzt.
Wie jeden Abend sende ich nach dem Einchecken zuerst meiner Frau den Standort, damit sie die Tour verfolgen kann und weiß, dass ich heil angekommen bin. Später werden wir dann telefonieren. An diesem Abend bin ich nicht allein. Ein junges Paar, er Franzose mit einem Tourenrad, sie Amerikanerin, kräftige Figur und ein Liegendrad fahrend, gesellen sich zu mir. Sie hat jedenfalls Humor. Als ich die beiden darauf anspreche, dass er das gesamte Gepäck transportiert, antwortet sie unumwunden und frei von Komplexen, dass sie mit ihrem Körpergewicht schon genug zu kämpfen habe. «Wir haben das so verabredet ...»
Tag 7: Camping De Gavers - Camping Memling, Brügge, 89 km, 320 Hm
Ich hatte am Vorabend gesehen, dass der Platzwart die Zeltwiese nur gemulcht
hatte, das Gras liegengeblieben und getrocknet war. Schon auf einer der
beiden Touren nach Paris hatte ich mir daraus eine Heumatraze gebaut,
über der ich das Zelt aufgebaut hatte. An diesem Morgen stelle ich voller
Verwunderung fest, dass mich die Unterlage in der Nacht eher genervt als
gepampert hat. Ich kann auf der 10 mm starken Isomatte ebenso gut auf
der nackten Wiese schlafen. Den Aufwand brauche ich also nicht mehr zu treiben.
An diesem Morgen starte ich spät, etwa gegen 10 Uhr. Nachdem ich mich beim Verlassen des Platzes etwas schwer getan hatte, folge ich dem von Komoot neu geplanten Weg in Richtung Gent. Zunächst sind die Nebenstraßen wenig befahren, dann folgt ab Ophasselt und Gappenberg die N 42c mit mehr Verkehr. Nach der Auffahrt auf die N 42 ist dann Schluss mit lustig, vor allem weil sie mit ihren viel zu schmalen Alibi-Fahrradspuren und dem heftigen LKW-Verkehr eine Zumutung für Radfahrer darstellt. Besonders unerfreulich ist, dass meine Fahrtrichtung bergauf geht. Wer mit 8-10 km/h unterwegs ist, empfindet auch kurze Abschnitte als lang.
Ich setze an einer Abzweigung einen Wegpunkt auf das Zentrum von Zottegem.
Die Navigation lässt augenblicklich von der N 42 ab und folgt wieder
Nebenstraßen, später Ortsstraßen. Heraus aus dem Ort geht es weiter nach
Elene, von wo Rad- und Wirtschaftswege der Eisenbahnlinie Richtung Gent
folgen. In den Ortschaften fahre ich überwiegend auf der Straße. Dieser
Abschnitt ist gut 10 km lang.
Der nächste Abschnitt führt über Lemberg und Merelbeke hinein nach Gent,
meist auf Radwegen, bis zur Schelde. Ab dort taucht man in einen Grüstreifen
ein, der bis in den Vorort Ledeberg reicht. Immer entlang der Schelde und
zuletzt auf Leinpfaden von Kanälen gelang man in die Innenstadt von Gent.
Der Großraum Gent hat etwa 600.000 Einwohner. Die Stadt war eine Zeit lang eine der bedeutendsten auf dem europäischen Festland, begründet durch den Tuchhandel, später durch eine frühe Industrialisierung. Gent ist durch einen Kanal mit dem niederländischen Terneuzen verbunden und hat so Zugang zur Nordsee und nach Antwerpen.
Ich durchquere die Innenstadt von Gent und mache Rast auf einer der zahlreichen Bänke, die hier aufgestellt sind. Der Tag ist ungewöhnliich dunkel, was keine plastischen Bilder liefert. Hinzu kommt das Grau der Fassaden der wichtigsten Motive der Stadt.
Ich verlasse Gent entlang des Gent-Brügge-Kanals und passiere so Aalter,
Beernem und Oostkamp. Das Wetter wird laut Wetterbericht erst morgen wieder
besser, also plane ich die direkte Anfahrt auf den Campingplatz Memling, im
Osten von Brügge gelegen.
Gegen 17 Uhr, immer noch am Kanal kurz vor Brügge, treffe ich auf einen jungen Mann, der sich sehr für mein Fahrrad interessiert und für meine Radtouren. Ich erzähle während der Fahrt von der Tour und von früher, über das Material, die Tagesleistung und die Übernachtungsmöglichkeiten. Er ist von den technischen Details meines Rades begeistert, insbesondere von der Kühlung der Wasserflaschen, ein Alleinstellungsmerkmal des Fahrrads.
Am Stadtrand von Brügge halten wir an und plaudern noch eine Weile. Er möchte auch gerne Radtouren machen, mit dem Rad das er gerade fährt, aber ich erläutere ihm, woran das scheitern könnte, vor allem an den fehlenden Anlötteilen für Gepäckträger. Ich werde nicht müde zu betonen, dass ich vier Packtaschen für wichtig halte. Zum Abschied gebe ich ihm den Link auf die Fahrradseite per QR-Code. Automatische Übersetzer sorgen dafür, dass die Seite zumindest ziemlich perfekt ins Englische übertragen wird.
Da ich über das Erzählen die vorgesehene Abfahrt verpasst habe, fahre ich
nun auf einer alten Eisenbahntrasse durch den Stadtwald und Vororte von Brügge.
Der Weg ist für motorisierte Fahrzeuge gesperrt und liegt im Schatten. Tatsächlich
kommt gerade jetzt die Sonne wieder hinter den Wolken hervor.
Einmal auf der richtigen Fährte erreiche ich den Campingplatz Memling ohne weitere Besonderheiten Eine klassische Fahrradwiese gibt es nicht, dafür eine kleinzellige Parzellierung nur für Zelte. Wer mit dem Auto kommt und zelten will, muss den Wagen auf einer nahegelegenen Parkplatzfläche abstellen. Die Parzellen sind an diesem Abend gut aber nicht voll belegt.
Der Platz wird ordentlich verwaltet, ist sauber und mit guten Sanitäranlagen ausgestattet. Einen Laden vor Ort gibt es nicht. Vom Zelt aus ist genau einen Kilometer entfernt eine Art Centre Commercial, wo ich Lebensmittel und eine Flasche Wein kaufe. Mit dem abgeladenen Rad und nur einer Fahrradtasche ist das schnell erledigt.
Am Stellplatz treffe ich auf ein älteres deutsches Ehepaar, das einen Platz südlich von Gent sucht. Ich empfehle De Gavers, aber ihre Planung orientiert sich streng an «landschaftlich schön», was über 120 km bedeuted. Sie zeigen mir die Planung, die ihr Sohn ausgearbeitet hat. Komoot führt sie dazu vor dem Platz sehr weit nach Westen, um dann den Platz über den idyllischen Fluss Dender von Nordosten her anzufahren.
Ich erkläre ihnen auch, dass ich meine Strecke durch Setzen eines Wegpunkts unterwegs aktiv umgeplant hatte, um der Nationalstraße 42 zu entkommen.
Tag 8: C. Memling - Camping Greenpark, De Panne, 93 km, 180 Hm
Heute gibt es viel zu sehen.
Der Wecker klingelt an diesem Mittwochmorgen um 6 Uhr. Nach kaum mehr als drei
Stunden bin ich unterwegs, im Laufe der Fahrt werde ich lernen, diese Zeitspanne
zu verkürzen. Bei strahlendem Sonnenschein besuche ich Brügge. Das Stadttor Kruispoort
ist vom Campingplatz nur 2 km entfernt. Es liegt hinter einer Zugbrücke.
Ich nehme mir die Zeit, einen Bummel per Rad durch die Altstadt zu machen.
Das Zentrum von Brügge wird von Kanälen ringförmig umschlossen. Durch die
Stadt ziehen sich Grachten, die man vom Boot aus erkunden kann. Es werden
Führungen angeboten. Ähnliches hatte ich zuvor in Gent gesehen. Brügge ist
deutlich kleiner und kompakter als Gent. Eine Runde durch die Stadt ist
schnell vorbei. Das macht Brügge attraktiv für ältere Gäste. Und ganz in
diesem Sinne spuckt ein polnischer Bus Fahrgäste aus, die mir erst einmal
vors Rad laufen.
Ich passiere im Süden den Park mit der Stadtmauer und komme schließlich auch zum
Markt, der aber so mit Ständen belegt ist, dass ich dort keine Fotos machen kann.
Ich nutze die Stadtrundfahrt auch zum Einkaufen von Lebensmitteln. Ich habe mir
einen «ewigen» Einkaufszettel angelegt, auf dem alles steht, was ich gebrauchen
könnte. Seither vergesse ich deutlich weniger als zuvor.
Brügge ist über den Boudewijnkanaal gradlinig mit dem Hafen von Zeebrügge
verbunden. Warum mich die Navigation über Damme schickt, kann ich heute
nicht mehr ergründen. Der Kanal verläuft nach Nordosten und endet ohne
Verbindung am Schipdonkkanaal, dem man in Richtung Nordwesten folgt. Der
Autoverkehr wird auf dem anderen Ufer geführt.
Nach dem Wechsel an den Schipdonkkanaal findet man sich auf einem sensationell
neuen Radweg wieder, der so gerade zwischen die extrem hohen Buchen passt. Am
Koolkerkesteenweg, der nächsten Brücke, verpasst Komoot den Wechsel auf die andere
Kanalseite. So hopple ich sehr mühsam etwa 2,5 km über Wurzeln und Steine und
teilweise auch durch Sand weiter bis zur nächsten Querung.
Dahinter ist die Welt wieder in Ordnung und der Radweg perfekt. Er bringt mich direkt
zum Fährhafen von Zeebrügge. Hier werden Autos von und nach Fernost verladen, gebracht
und geholt von LKW und Eisenbahnen.
An dieser Stelle endet dann auch abrupt der Reigen romantischer Fotos. Der Radweg wird mit vielen Kreuzungen und Kurven über die Zubringerstraßen geleitet. Man wähnt sich hier in einem Industriegebiet und nicht in einem Seebad.
Dazu passt, dass an der Isabellalaan die Zugbrücken oben sind, die u. a. auch den
Zugverkehr unterbrechen. Dass ich nur 7 Minuten gewartet habe, kann ich kaum glauben,
aber die GPS-Aufzeichnungen sind da unbestechlich. Das hätte auch viel länger dauern
können, denn ich hatte die geöffneten Zugbrücken auf der Anfahrt bereits von Weitem beobachtet.
Nachdem die Zugbrücke den Weg feigegeben hat, fahre ich weiter in Richtung Oostende. Mit dem Fahrtrichtungswechsel von Süd-Nord auf Ost-West drehe ich sozusagen «in den Wind», der in Böen stürmisch auffrischt und gnadenlos von vorne kommt. Die Bebauung schützt mich zwar hier und da, aber Geschwindigkeiten um 10 km/h, eines Fahrrads unwürdig, sind keine Seltenheit. Hatte mich der Südwestwind am Kanal noch leicht vor sich hergetrieben, stehe ich jetzt gefühlt auf der Stelle. Dieser Wind wird mich in den nächsten Tagen begleiten.
Die Städte hier gehen ineinander über, das Bild ähnelt sich. Hochhäuser in Strandnähe mit
5-8 Geschossen, eine breite Promenade, die sie verbindet, und eine Straße auf der dem
Strand abgewandten Seite. Diese Art der Bebauung bietet praktisch keinen Schutz bei
Gegenwind. Sie sind auch nicht besonders ansehnlich.
Bei Wenduine mache ich gegen 13 Uhr nach 40 km die erste Rast. Ich nutze eine
Informationstafel, die durch ein üppig dimensioniertes Dach geschützt ist, um das Rad
in den Schatten zu stellen. Ich selbst hocke mich an einem Zugang zu einer Strandbar
auf eine Betonbank. Da die Sonne fast im Zenit steht, packe ich Lebensmittel unter die
Bank. Die Sprache um mich herum ist akzentfreies Deutsch. Scheinbar machen viele meiner
Landsleute hier Urlaub.
Besonders übel trifft mich der Wind bei Oostende. Während der Anfahrt über den Strand
schützen mich eine Mauer und die Dünen. Danach bringt mich eine Personenfähre in die Stadt.
Aber als ich in die Nähe der zehngeschossigen Häuserfront komme, bricht die Geschwindigkeit ein.
Gefühlt ist das erst einmal nicht so schlimm, weil auf der Promenade wegen des regen Treibens
ohnehin keine hohen Geschwindigkeiten möglich sind, aber je weiter man sich von den belebten
Punkten entfernt, umso mehr spürt man den Windwiderstand.
15 km folge ich dem gut ausgebauten Radweg am Strand, dann geht es im Zick-zack hinter
den Dünen entlang. Bei Nieupoort-Bad liegen zwei große Campingplätze, aber ich treffe beim
ersten niemanden an der Rezption an, der zweite bestehe fast nur aus festen Quartieren und
sei nur für Wohnmobile, heißt es. Am Ende installiere ich mich dann auf dem Camping Greenpark,
etwa 10 km entfernt.
Ich treffe auf ein älteres deutsches Ehepaar, das mir glaubhaft versichert, dass ich der erste Deutsche sei, den sie hier sähen. Das mag sein, denn der Platz ist für den typischen Strandurlauber zu sehr zurückgezogen und vermutlich nicht komfortabel genug, mit eher kleinen Stellplätzen. Dafür gibt es eine Bar, die ich aber wegen der fortgeschrittenen Zeit, es ist nach 19:30 Uhr, nicht mehr aufsuche. Die Zeltwiese liegt im Wald, der Boden müsste dringend aufgearbeitet werden. Ich finde auf einem zweiten Areal gerade noch einen Platz ohne Steine und Wurzeln.
Tag 9: Camping Greenpark - Camping des Noires Mottes, 93 km, 140 Hm
Ich wache auf und bin verwundert über die Temperaturen. Den Kaffee setze ich im langärmeligen Hend auf, mit dem ich dann auch starte. Die Solnne wird sich erst gegen 13 Uhr zeigen. Bis zur französischen Grenze sind es nur 7 km, aber noch in Flandern treffe ich in dem kleinen Ort Adinkerke auf einen großen Fahrradladen. Da seit kurzem die Bremsen quietschen, kaufe ich 4 neue Bremsgummies für 20 Euro, ein Preis, den ich auch zu Hause bezahle. Wenig später fahre ich über die Grenze, was ich aber nur an der Art der Ausschilderung erkennen kann.
Stand der gestrige Nachmittag noch im Zeichen von Radwegen am Strand, so spielt sich
der heutige Tag hinter den Dünen ab. Das erzeugt eine eigenartige Atmosphäre. Zusammen
mit den niedrigen Temperaturen könnte ich irgendwo unterwegs sein. Nur der Sandboden,
der mich überall umgibt, und die Ausschilderung liefern Hinweise auf den Standort. Ich
hatte die Planung darauf ausgelegt, entlang der Küste dem Eurovélo 4 zu folgen, der
von Le Havre über Breskens bis Kiew verläuft. Zwischen Breskens und Calais ist er mit
dem Eurovélo 12 identisch, der von Bergen bis zu den Shetland Inseln die Nordsee
umrundet.
Warum heißt es auf dem Schild «LA VÉLO MARITIME»? frage ich mich, wo es doch «le vélo» heißt. Es könnte die Abkürzung für «La Véloroute de la Mer du Nord» sein. Tatsächlich ist es so, dass es sich um ein Kunstwort handelt wie «La Scandibérique», ebenfalls weiblich, die Bezeichnung für den Radweg Eurovélo 3. Und korrekt schreibt man: «La Vélomaritime», also ein Wort. Das Geschlecht dieser Kunstwörter orientiert sich an «véloroute», f.; dass man das Wort auf den Schildern trennt, ist allein technischer Natur.
Das Wetter ist düster und das Problem mit den Bremsen ist noch nicht abschließend geklärt. Der Wechsel der Bremsklötze bei Magura Felgenbremsen ist keine Raketentechnik, aber man muss doch einiges auseinanderbauen, und wenn es ein Problem geben sollte, würde ich in Dunkerke am ehesten Hilfe bekommen. Also hocke ich mich in eine Bushaltestelle, wo ich sitzen kann und im Falle eines Falles gegen Regen geschützt bin. Zunächst esse ich zwei pein au chocolat, wie immer mit viel Butter, außen draufgeschmiert. Dazu etwas Wasser und ein ¼ l Rotwein, den Rest der Flasche fülle ich wie immer in eine leere Cola-Flasche.
Danach lade ich das Zelt und alle vier Packtaschen ab und demontiere vorne und hinten
die Träger der Bremssättel. Wenn ich keine Luft ablassen will, muss ich auch die
Hinterradachse lösen. Dann tausche ich nach und nach die Bremsklötze. Am Ende ziehe
ich alle Schrauben wieder fest. Passt. Bleibt noch die Reinigung der versauten Finger.
Dafür hatte ich bereits Seife rausgelegt und am Straßenrand, die Wasserflasche zwischen
den Oberschenkeln ballancierend und Wasser herausdrückend, wasche ich die Hände.
Ich fahre bei besser werdendem Wetter nach Grand-Fort-Philippe, vorbei an Grivelines,
einer alten Festung, und weiter nach Les Huttes d'Oye, wo die Straße die Küste verlässt.
Zwar steigt die Straße nicht an, alles bleibt in der Ebene, aber eine Kuriosität soll hier nicht verschwiegen werden. Der Straßenverlauf folgt Entwässerungskanälen, die sich munter meandrierend in die Landschaft gefressen haben. Zum gefühlt ersten Mal fahre ich eine Serpentine im Flachland. Als Radfahrer äußert sich das so, dass der Bauernhof, an dessen Einfahrt unzählige Schmetterlinge flogen (einen Admiral konnte ich fotografieren), immer gleich nah erscheint, obwohl man inzwischen 2,5 km zurückgelegt hat.
Ich komme dann doch noch nach Calais. Der Fahrradstreifen der viel befahrenen Straße
ist üppig, fast eine Fahrspur breit. Ich fahre über den auf der Fahrbahn markierten
EV 4 in die Stadt. An einem Mini Carrefour kaufe ich Lebensmittel. Ich passiere
die Innenstadt, fahre zum Strand und über die Promenade. Auf der D 940 verlasse
ich Calais. Ein Irrtum hinsichtlich der geplanten Route, die ich am Camping des Noires
Mottes vorbeigehen wähne, führt zu einem allerletzten Umweg über Land mit den einzigen
signifikanten Höhenmetern des Tages, dann bin ich am Ziel.
Als ich den Platz erreiche ist die Rezeption bereits geschlossen. Die Vorhut einer organisierten Gruppe junger Radfahrer, zwei Mädels, kochen Abendessen auf einer Induktionsplatte an der Zeltwiese. Sie zeigen mir, wo ich zelten kann. Vom Essen wird später noch ein kleiner Rest übrig bleiben, meine erste warme Mahlzeit seit dem Start. Mit einem aus der Gruppe unterhalte ich mich übers Radfahren: «Wir fahren morgen nach Roubaix. Kennen Sie Paris-Roubaix?». Als ich mit «l'enfer du nord» antworte, ist er sichtlich beeindruckt.
Tag 10: Camping des Noires Mottes - Camping Mini-Park, 95 km, 720 Hm
Am morgen breche ich noch vor der Radlergruppe auf. Ich verabschiede mich, wünsche ihnen eine gute Fahrt und begebe mich zur Rezeption. Sie wird erst in einer Stunde öffnen, darauf kann ich nicht warten. Der Wind hat etwas weiter auf Nord gedreht, auf Nordwest. Die Küste knickt hinter Calais nach Süden ab, sodass ich mit dem Bewusstsein aufbreche, dass ich Seiten-, oft aber Rückenwind haben werde. 100 km sollten so zu schaffen sein.
Zwar steht der Wind diesmal günstig, aber vielleicht hätte ich mir das Höhenprofil
genauer anschauen sollen (oder besser doch nicht?), denn um die Route Departementale
940 zu umgehen, beginnt der Tag mit einem Aufstieg auf 130 m Höhe. Das habe
ich so nicht erwartet und es ist erst der Anfang. Der Eurovélo 4 verlängert
die Tour durch Bögen ins Inland, auch da, wo wenige Kilometer auf einer Nebenstraße
hätten reichen sollen.
Die D 940 ist die Küstenstraße. Weiter im Landesinneren verläuft die Autobahn A 16. Ich befinde mich seit Grand-Fort-Philippe im Département Pas-de-Calais (62) mit der Präfektur Arras. «Pas» steht hier für «Passage». Die D 940 wird uns noch begegnen, sie wird mit der selben Nummer im Département Somme fortgesetzt, während sie zu Beginn, im Département Nord, die Nummer 601 trägt.
Die Anstiege sind steil. Zwar kann ich mit der Übersetzung 24:32 die meisten Steigungen geradeaus hochfahren, aber da, wo die Straße breiter ist, fahre ich zwischen den Straßenrändern hin und her. Im Hinterland ist ein ständiges auf und ab normal, daher erlebe ich einen außergewöhnlich anstrengenden Vormittag.
Kurz vor Boulogne-sur-Mer fällt mir ein älteres deutsches Ehepaar auf, das mich
vor der Abfahrt nach Wimereux überholt. Ich halte an und mache ein Foto vom Strand,
den ich fälschlicher Weise für den von Boulogne-sur-Mer halte. Nach einigen kleineren
Straßen und einem steilen Anstieg aus dem Ort heraus, treffe ich wieder auf die
D 940, die sich greifvogelartig hinunter nach Boulogne-sur-Mer stürzt. Das
grenzt an freien Fall. Ich fahre in der Mitte der Spur, um Überholmanöver von
vorne herein auszuschließen.
Unten angekommen fahre ich zum Strand und folge der Promenade. Dann passiere ich einen Park, suche einen Lebensmittelladen, kaufe ein und fahre zurück zum Park. Ich mache eine ausgedehnte Pause, esse, trinke einen ¼ l Rotwein, fülle den Rest in eine Cola-Flasche und verteidige währenddessen meine Nahrungsmittel gegen Möven. Die Viecher sind nur mäßig agressiv, daher kann ich die Mittagspause genießen.
Im Zentrum von Boulogne-sur-Mer verliert sich dann vorübergehend die Spur der D 940. Aus der Stadt geht es steil hinaus, aber erst nach Outreau, einem Vorort, erklimme ich wieder die 100 m-Marke. Vor Écault verlässt Komoot noch einmal die D 119. Zunächst geht es einige Höhenmeter bergab, dann krabbele ich auf einer Nebenstraße bergauf. Die Senke hätte ich mir sparen können, der Gewinn an «bergauf ohne Verkehr» ist gering.
Irgendwo hinter Écault treffe ich an einem Kreisverkehr wieder auf das deutsche Ehepaar, das mir später erzählen wird, dass es über le Havre entlang der Seine nach Paris fahren will. Ich folge den beiden, die etwas jünger sind als ich, bis zum Camping de la Pinede, wobei wir über weite Teile auf einem Radweg der D 940 fahren. Die Dame gesteht: «Ich hatte mir eine Tour mit weniger Steigungen vorgestellt.»
Für mich ist der Tag noch nicht zu Ende. Ich will weiter, weil es für das
vorgesehene Pensum zu früh ist. 20 km will ich noch drauflegen.
Bei Étaples überquere ich die Mündung der Canche mit ihrem Yachthafen.
Ich fahre weiter bis Berck. Dabei
falle ich erneut auf camping.info herein, dessen Datenbank nicht nur viele
Leichen enthält, sondern auch viele falsche Positionen. Als ich mich in der
Höhe meines Zielorts wähne, muss ich feststellen, dass ich schon gut 2,5 km
daran vorbeigefahren bin.
So lande ich letztlich auf dem Camping Mini-Park, sehr freundliich geführt mit guten Sanitäranlagen und einer kleinen Bar. Über 700 Höhenmeter sind ganz schön viel für eine Radtour entlang der Küste.
Am Zelt schreibe ich eine E-Mail an den Besitzer des Camping Noires Mottes, dass ich zu früh aufgebrochen wäre und noch bezahlen würde, allerdings erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland. Er solle mir die IBAN schicken und sagen, was es kostet und welche Informationen er von mir braucht.
Tag 11: Camping Mini-Park - Camping de l'Abîme, Picquigny, 108 km, 150 Hm
Der Tag zerfällt in zwei Teile, bis zum Ende des Mittagessens und danach. Am Morgen passiere ich Berck-Plage, Grofflier und Waben. Die Landschaft hinter dem Deich spricht mich nicht an. Es ist sehr kühl und mangels Sonne auch düster. Das wird sich erst nach Mittag ändern.
Nach Waben führt der Weg durch eine Seenplatte, er wird gefälliger.
Viele kleine Brücken überspannen hier die Siele. Unverschämt ist, dass ein
Schild, an jeder Brücke angebracht, fordert, das Radfahrer absteigen sollen,
weil das Holz glitschig sein könnte.
Bis le Pont à Cailloux bleibt es bei dem Radweg durch eine Art Marschlandschaft,
danach wird er separat entlang der D 532 geführt, die gut befahren ist. Dieser
Abschnitt endet in Fort-Mahon-Plage. Bis Crotoy ist der Radweg dann wieder recht
gefällig, bis er auf eine kleine Route départementale trifft, auf die D 940
einmündet. Ich folge der D 940 auf einem straßennahen Radweg bei regem
Verkehr bis Saint Valery-sur-Somme.
In Saint Valery-sur-Somme schiebe ich das Rad durch das Zentrum, das hier sehr
touristisch ist. Alle Restaurants sind um die Mittagszeit voll besetzt. In einer
Épicerie kaufe ich ein, das Brot besorge ich in einer Boulangerie unweit des
Ladens. Danach mache ich mich auf den Weg aus dem Ort.
Ich hatte mir fest vorgenommen eine Portion Muscheln zu essen, bevor ich die
Küste verlasse. Und tatsächliche sehe ich bei der Weiterfahrt einen freien
Platz in einem Restaurant. Ich sehe auch, dass Muscheln serviert werden. Also
parke ich das Rad ein und bestelle Muscheln. Das Essen geht so, die Muscheln
sind die kleinsten, die ich je gegessen habe. Von der Côte d'Azur bin ich
eine andere Qualität gewohnt. Beim Bezahlen muss ich die Bedienung darauf
hinweisen, dass der Nachtisch auf der Rechnung fehlt. Dabei war die Crème
brûlée das Beste am Mittagessen.
Wieder auf der Straße mache ich ein Bild vom Abkuppeln der Dampflok einer Museumseisenbahn. Vermutlich wird die Lok mit Gas beheizt, trotz der Kohlen auf dem Kessel.
Der Weg entlang der Somme verlässt schnurgerade den Ort, 13 km weit
bis Abbeville. Der Rückenwind ist mächtig stark und treibt mich vor sich
her. Hinter Abbeville ändert sich das Bild. Die kanalisierte Somme biegt
im 90° Winkel ab. Danach erscheint der Verlauf natürlich mit vielen
Windungen. Wenige Kilometer von der Küste entfernt hat sich das Wetter
vollständig verändert, es ist uneingeschränkt sonnig.
Als Orte auf dem Weg bleiben Pont-Remy und Long in Erinnerung.
Der Campingplatz von Picquigny, Camping de l'Abîme, ist schön angelegt,
der Campingwart ist freundlich, die Atmosphäre gut. Der Ort liegt
fußläufig wenige Minuten vom Platz entfernt. Mit Strom soll ich
12 Euro bezahlen, 9 ohne Strom. Das ist mir dann doch zu wenig, also
buche ich Strom hinzu. Am Stellplatz gibt es keinen Strom aber einen
Plastiktisch mit zwei Stühlen. Der Platzwart besorgt mir eine kleine
Kabeltrommel. Die Eisenbahn verläuft direkt am Platz, in der Nacht hat
man seine Ruhe.
Am Nachmittag bereits hatte der Besitzer des Noires Mottes geantwortet, dass er wissen müsse, wo ich auf dem Platz gezeltet habe und wie lange. Nach meiner Antwort kommt wenig später, dass ich nichts bezahlen müsse. Der Aufwand einer nachträglichen Abrechnung erscheint ihm wohl zu hoch.
Tag 12: Camping de l'Abîme - Camping Port de Plaisance, Péronne, 82 km, 190 Hm
An diesem Sonntag fahre ich eine schnelle Tour mit früh(er)em Start gegen 8:30 Uhr, begünstigt durch einen steten Rückenwind. Vor der Abfahrt wasche ich Socken, Fahrhemd und Radhose und befestige sie auf der Zeltrolle.
Der Radweg entlang der Somme bietet an einer einzigen Stelle einen Blick
auf die freistehende Kathedrale von Amiens, bei der Anfahrt von Westen.
Danach sind Bäume oder Bebauung im Weg. Das bei bedecktem Himmel aufgenommene
Foto zeigt diese Situation. Für ein besseres Foto hätte ich ins Zentrum
fahren müssen, wovon ich absehe.
Auch in der Stadt selbst bleibt der Weg stets an der Somme, die hier mehrere Seitenarme hat. Auf einigen Abschnitten herrscht reges Treiben auf dem Wasser, meist sind es Frauen, die Ruderboote fahren, Zweier und Vierer ohne Steuermann.
Amiens ist die Präfektur des Département Somme (80), eine Stadt mit 130.000 Einwohnern. Die zweitgrößte Stadt ist Abbeville mit 22.000. Das Département gehört zur Region Hautes-de-France und ist wie so oft, aber nicht immer, nach dem Fluss benannt.
Ungefähr eine Stunde hinter Amiens treffe ich bei Vecquement auf eine
Industrieanlage, die Bewohner der Region Köln/Bonn unweigerlich an Wesseling
erinnert. Nur der Geruch unterscheidet die beiden Standorte voneinander.
Während Wesseling petrochemische Industrie beherbergt, ist hier die
Agrarindustrie am Werk, namentlich Roquette Frères, die im Werk von Vecquement
Kartoffelpfannkuchen herstellen. Der Gedanke versöhnt mich etwas mit dem Anblick,
auch wenn ich mich selbst nicht zu den Kunden dieses Produkts zähle.
Wenig später sehe ich eine seltsame Skulptur am Kanal auf dem Ufer von Corbie,
für deren Herkunft und Verwendung es keine Hinweise gibt. Wikimedia Commons
listet zwar 11 Bilder zu Skulpturen, weiß aber auch nichts zu der auf dem
Foto zu sagen.
Bereits gegen 11:40 Uhr gönne ich mir eine ausgiebige Pause bei Sailly-Laurette im Schatten von Bäumen direkt an der Somme. Es ist ein netter Rastplatz, an dem sich ein französisches Paar auf eine weitere Bank hockt. Ich hatte die beiden kurz zuvor am Kanal angeln sehen, ein in Frankreich weit verbeiteter Sport. Da sie keinen Fisch braten, muss ich vermuten, dass sie mit ihren Bemühungen keinen Erfolg hatten.
Am frühen Nachmittag erreiche ich das Eisenbahnmuseum von Foissy. Man
kann dort zahlreiche ältere Fahrzeuge bestaunen, kleinere Exponate stehen
draußen, andere in einer großen Halle. Die Dampflok auf dem Foto steht zur
Abfahrt bereit. Den Schienen der Schmalspurbahn folge ich noch eine ganze
Weile, bis sie vor Cappy in einem Tunnel verschwinden. Der Karte nach
reichen sie bis zur Endhaltestelle von Dompierre.
Bei Suzanne verlässt der Weg kurzzeitig die Somme. Wenig später erreiche ich Feuillères, wo ich mich frage, ob ich nicht auf dem Camping Station machen soll. Am Ende entscheide ich mich dagegen und für weitere 7 km. Um 15 Uhr erreiche ich den Camping Port de Plaisance in Peronne. Die Rezeption ist ein wenig verpeilt. Obgleich besetzt, öffnet sie erst um 16 Uhr. Immerhin kann ich fragen, was ich machen soll: «Suchen Sie sich einen Platz und kommen sie um 16 Uhr wieder!»
Der Platz ist gefällig, bietet hier und da Schatten, liegt fußläufig zum Ort und hat einen kleinen Laden, wo ich Wein, Süßes und Chips erstehe. Strom ist unmittelbar in der Nähe, Trinkwasser auch. Am späten Nachmittag kaufe ich eine Bratwurst mit Fritten, die recht gut sind, Mayonaise und Senf zum Mitnehmen. Dazu trinke ich den kurz zuvor gekauften Rotwein. Trotz des oft bedeckten Himmels sind die frisch gewaschenen Klamotten fast trocken. Endgültig getrocknet werden sie auf dem Zeltdach.
Tag 13: Camping Port de Plaisance - Camping au bord de l'aisne, Guignicourt, 146 km, 595 Hm
Es soll der längste Tag werden, den die (neue) Uhr aufgezeichnet hat.
Und es wird auch einer der spannensten der ganzen Tour. Der
Tag beginnt bedeckt und kühl, die Hitzewelle ist vorüber. Das Zelt trocknet
nicht ab, ich rolle es feucht ein, nicht zum ersten Mal. Um 8:20 Uhr bin ich
unterwegs. Ich habe nur wenige Meter bis zum Leinpfad und setze die Tour fort.
Erstmals sehe ich ein Frachtschiff auf der Somme. Nach einigen Kilometern
trennt sich bei Rouy die kanalisierte Somme vom Canal du Nord. Eine einfache
Anzeigetafel weist den Schiffern den Weg.
Der Kanal beginnt idyllisch, wenig später treffe ich dann auf umgestürzte Bäume,
von denen einer noch den Weg versperrt. Immerhin kann ich mit dem Rad drunter
herkrabbeln ohne es abzuladen. An anderen Stellen hat man bereits den Fahrweg
freigeräumt. Da der Kanal später in einem Tunnel verschwindet, kann man ihm
ohnehin nur bis zur D 186 folgen, die durch Ercheu führt. Die höchste Höhe
erreicht man bei la Panneterie, der Aufstieg ist harmlos.
Natürlch hatte ich mir vor dem Verlassen des Kanals die Frage gestellt, ob man
zum nördlichen Tunnelportal durchfahren kann. Die Antwort lautet: «Ja, aber
besser nicht. Eine Spur gibt es, aber ...»
Ich beschließe mit mir, auf die
D 186 abzubiegen und mir die Situation von der Seite her anzuschauen.
Denn kurz vor dem Gehöft la Panneterie, ich befinde mich inzwischen
auf der D 545, gibt es einen Stichweg in Richtung Tunnelportal. Die
Darstellung in Komoot lässt darauf schließen, dass es sich um einen
Feldweg handelt, aber tatsächlich erweist er sich als nicht mehr als eine
Schlepperspur am Feldrand, gerade noch als solche erkennbar. Ich hoppele
über diese Spur, das Rad wankt bei jedem Meter, den ich zurücklege. Den
Lenker umklammere ich mit fester Hand, auch wenn die Packtaschen vorne
den Trägheitstensor bestimmen und ein Umschlagen sehr unwahrscheinlich
machen.
Nach einer Linkskurve, die aus der Karte nicht ersichtlich ist, führt
scharf rechts ein mäßig steiler Waldweg hinunter zum Tunnel. Bereits
vor langer Zeit umgestürzte Bäume versperren den Weg. Ich lasse das
Rad an dieser Straßensperre zurück. Ich klettere über die Bäume und
treffe dann auf das eigentliche Hindernis, eine steile Treppe hinunter
zum Portal. Hier hätte ich auf jeden Fall abladen müssen.
Natürlich muss ich auch einen Blick in die Tunnelröhre werfen. Warum
sehe ich kein Licht am Ende des Tunnels? Nun, betrachtet man das Bild
in der Vergrößerung, stellt man fest, dass gerade in diesem Moment ein
Lastkahn den Tunnel am Südportal verlässt.
Die Bilder dürften Seltenheitswert haben, zumindest in einer privaten Sammlung. Dass ich sie am längsten Tag der Reise aufnehme, weiß ich da natürlich noch nicht.
Ich hoppele nun wieder zurück zur Straße, nachdem ich das Rad aus dem Hohlweg hinauf aufs Feld geschoben habe. Eine gute halbe Stunde ist vergangen. Die Umfahrung geht weit über das Tunnelende hinaus, sodass ich erst in Höhe von Frétoy-le-Château an den Kanal zurückfinde. Weitere 13 km folge ich ihm.
Bei Noyon, genauer gesagt bei Pont-l'Évêque, fahre ich zunächst am
Kanal weiter, wobei mich auf der Zufahrt hinunter von der Schleuse eine
im Schatten liegende Bremsschwelle
fast vom Rad wirft. Dann wende ich, verpasse aber das Zentrum von Noyon,
das ich bereits ein gutes Stück zuvor passiert hatte. Der Plan sah vor,
dort Lebensmittel für den Rest des Tages einzukaufen und natürlich Wein
für das Mittagessen. Also wechsle ich nach einem kurzen Intermezzo auf
Ortsstraßen an den Canal lateral à l'Oise, den ich von den beiden Fahrten
nach Paris, 2024 und
2025, kenne. Ich fahre
aber nur bis Manicamp, um südlich von Laon und Sedan in Richtung Luxemburg
zu gelangen. Dazu muss ich zum Eurovélo 3 wechseln.
Hier komme ich in das Tal der l'Ailette, die vom Canal de l'Oise à l'Aisne begleitet wird. Leider gibt es entlang dieses Kanals keinen durchgehenden Leinpfad (Chemin de Halage), weshalb ich den Weg über die Dörfer fahren muss. Trotzdem liegen die Ortschaften immer noch im Tal, weshalb Steigungen hier moderat sind.
Vor Pierremande, wo das Foto von der Kornernte entsteht, schickt mich Komoot
wieder über einen Feldweg, der der Zufahrt zum Tunnelportal gleicht, allerdings
sieht man die beiden Spuren deutlich, der Schotter ist arg grob. In der Ferne
sehe ich die D 1 und den Verkehr dort. Also beiße ich in den sauren Apfel
und fahre den Feldweg.
Die daran anschließende Nebenstraße ist ruhig. Sie führt mich in den kleinen
Ort Champs, der einen deutschen Soldatenfriedhof aus dem ersten Weltkrieg
beherbergt. Coucy-le-Château-Auffrique umfahre ich auf einer ehemaligen
Bahnlinie, allerdings ist der Zustand des Wegs fragwürdig. An einer Stelle
stürze ich fast im Sand, nur die Sturheit der vorderen Packtaschen hält
das Rad noch in der Spur. Zudem werde ich von einem lärmenden Quad
überholt.
Die zweite Hälfte des Weges ist dann original Schlepperspur auf Wiese, wobei ich bei zwei parallelen Spuren die falsche, schlechtere wähle. Das kann man am Anfang nicht immer erkennen. Die nächste Querstraße erreiche ich nach 1½ km. Dort breche ich das Experiment «Wirtschaftsweg» ab.
Wasser habe ich genug. Von den insgesamt 4 Litern trinke ich drei, auch weil ich in einem Carrefour bei Anizy-le-Château zwei Flaschen Cola zum aktuellen Promotionpreis kaufe, von denen ich eine vor Ort trinke. Nicht nur Mars gibt verbrauchte Energie sofort zurück. Zwischendurch esse ich ein Snickers, was mich am Fahren hält.
Hinter dem Ort versuche ich noch einmal, einem Vorschlag von Komoot entlang des Kanals zu folgen. Aber der «Single Trail» sieht unbefahrbar aus, also kehre ich um.
Voll verpflegt erreiche ich nach leichten Anstiegen um 18 Uhr den Camping du Lac am See von Monampteuil. Der Platz ist geschlossen. Ich konnte ihn telefonisch nicht erreichen, über Google Maps nicht ansteuern und bin daher nicht weiter überrascht. Ich hatte mich bereits innerlich auf eine Fahrt durch die Nacht eingestellt.
Unweit des Sees finde ich eine Bank im Schatten. Ich mache bei km 110
die erste Pause. Das ist auch ein Novum. Die Temperatur hat bereits am
frühen Nachmittag die 30° Marke geknackt, was mich aber nicht gestört
hatte, weil die Fahrt entlang der Kanäle wenig Kraft kostet und Rückenwind
auch irgendwie Flügel verleiht.
Bei dieser Pause koche ich vier «Frankforter», die ich im Carrefour erstanden hatte, in meinem Kaffeewassertopf. Zwei der Würstchen platzen auf, weil sie nur sieden dürfen, nicht kochen (das weiß ich heute), ein unversehrtes nehme ich für abends mit.
Vom Rastplatz aus telefoniere ich mit Guignicourt, die mir sagen, dass nach 22 Uhr nichts mehr geht. Also räume ich ein und mache mich gegen 19:00 Uhr auf den Weg. 35 km sind noch zu fahren.
Zu meinem Erstaunen und zur Beförderung meines Fortkommens sind die Steigungen
moderat. Teilweise folgt die Tour einer alten Eisenbahntrasse. Bei Chamouille
bleibt der Weg ein Stück weit am Ufer des Lac de l'Ailette. Der Rad- und
Fußweg ist dort üppig ausgebaut, breit und gut zu fahren. Abschnitte im Sumpf
sind mit einem breiten Steg überbaut. Danach steigt der Weg wieder an.
Bei Neuville-sur-Ailette erreiche ich mit gut 100 m den höchsten Punkt des
heutigen Tages. Danach taucht die Route in einen Wald ein, den sie auf dem
wirklich wunderschönen, sehr ebenen Chemin du Roi durchquert. In diesem
Wald fallen zu allem Überfluss Bremsen über mich her, die bekanntlich auch
Funktionswäsche durchbohren, da hilft nur (dickere) Bekleidung. Das hatte ich
bereits vor einigen Jahren in der Nähe von Collobrières, im Hinterland von
Saint Tropez, Côte d'Azur, ausprobiert. Ich weiß, dass man auch bei 30° immer
noch so fahren kann. Das Hemd behalte ich daher an.
Von Cobeny, wo der Wald aufhört, folge ich der D 62, einer sehr schönen Nebenstraße. Von kleineren Zwischenanstiegen abgesehen ist die Tendenz fallend. So komme ich an diesem sehr warmen Abend im langärmeligen Hemd zum Campingplatz. Es ist 3 vor 9. Bis 21 Uhr kann man einchecken und Madame lobt mich dafür, eine Stunde herausgefahren zu haben. So komme ich noch dazu, ein großes, kühles Bier zu trinken. Am Zelt esse ich das Würstchen, trinke Wein und leere die zweite Flasche Cola. Um Mitternacht bin ich geduscht und im Bett. Ein wunderbarer, erlebnisreicher Tag.
Tag 14: Camping au bord de l'aisne - Camping à la ferme, Neuville-Day, 70 km, 210 Hm
Pünktlich um 9 Uhr verlasse ich den Campingplatz und fahre Einkaufen im Ort.
Eine Frau versichert mir glaubhaft, dass es im Ort keinen Bäcker mehr gäbe,
also kaufe ich auch das Brot und die zwei pain au chacolat im Supermarkt,
der gut ausgestattet ist. Dann packe ich ein und verlasse Guignicourt auf
der D 925. An diesen Abschnitt erinnere ich mich gut, auch weil die
Alternative zur Hauptstraße dringend eines Ausbaus bedarf.
Die Departementstraße ist relativ schmal und gut frequentiert, der Rad- und
Fußweg neben der Straße hat aber leider eine sehr zerzauste Oberfläche
mit vielen faustgroßen Steinen. Auch einige der Drängelgitter sind unnötig
eng. Wen will man hier vom Fahren abhalten? Die Tourenradfahrer?
Der Tag heute wird sich vor allem am Canal des Ardennes abspielen, den ich an der Brücke bei Neufchâtel-sur-Aisne erreiche. Der Ort liegt genau auf der Grenze zwischen den Départements Aisne (02), Präfektur Laon, und Ardenne (08), Präfektur Charleville-Mézières, weshalb der Canal Lateral à l'Aisne ab hier Canal des Ardennes heißt. Er ist für seine Staustufen berüchtigt, die das Niveau von 57 m bei Guignicourt auf 165 m bei le Chesne anheben. In Frankreich ist dieser Abschnitt als «la Vallée des Écluses», Tal der Schleusen, bekannt.
Auch am Canal des Ardennes ist die Zeit der Schleusenwärter abgelaufen.
Damit die automatischen Schleusen erkennen, dass nun ein Vorgang ansteht,
dreht man einen herunterhängenden Schlauch um seine Längsachse. Auf
anderen Kanälen dient die ungleich modernere Funktechnik dazu, einen
Vorgang anzufordern. Vielleicht geht das heute auch hier elektronisch,
aber selbst eine Suche auf den Seiten der Wasserstraßenverwaltung, vnf,
beantwortet diese Frage nicht.
Das heutige Ziel liegt bei Neuville-Day, wo der Kanal hinter der Schleuse bereits die Höhe 100 erklommen hat. Vielleicht ist es dem einen oder anderen zu langweilig, einen ganzen Tag an einem Kanal entlang zu fahren. Für mich ist das Erholung pur. Hat man das tonnenschwere Rad einmal angefahren, rollt es vor sich hin. Nur an Schleusen und manchmal an Brücken muss man berghoch, dann allerdings oft unnötig steil.
An wenigen Stellen verlässt der Weg den Kanal, so zwischen Ambly-Fleury und
Givry, wo man die Situation am Höhenprofil erkennen kann. Am höchsten Punkt
passiert man eine Kirche auf freiem Feld, wo man rasten kann, bei Regen auch
geschützt unter einem festen Dach. Der Weg ist autofrei.
An diesem Tag steht die Sonne hoch und es ist warm. Gegen Mittag habe ich das Problem, einen schattigen Platz für eine Pause zu finden. Bänke gibt es genug, aber ohne Schatten. An der Schleuse bei Givry raste ich daher, nach 2025, zum zweiten Mal an derselben Stelle.
Das Portal camping.info hat ein massives Qualitätsproblem. Das zeigt sich auch beim Camping à la ferme/rural de Coutel, wie so oft. Die Koordinaten sind falsch, der Platz liegt nicht am Kanal sondern auf dem Berg. Man findet ihn unter der Bezeichnung «Camping de la Croix Villière». Vom Kanal ausgehend gibt es zwei Einbahnstraßen, eine hoch, eine bergab. Fährt man gegen die Einbahnstraße, ist die Steigung geringer. Der normale Weg ist mörderisch steil.
Der Platz ist einfach, sehr preiswert und hat gute, saubere Sanitäranlagen. 10 Euro kostet mich die Übernachtung, weil ich Strom mitbuche, sonst wären es 7. Randalierende Gäste dürfte man hier eher nicht antreffen. Das Ambiente ist ruhig, die Straße am Platz auch. Es gibt zwei Zeltwiesen. Die untere ist eben, die obere, schönere ist etwas geneigt. Ich finde trotzden eine ebene Stelle. An der Rezeption werden Produkte der Region verkauft. Ich nehme einen Cidre Doux, der nur 2% Alkohol hat, und esse zu Abend in meinem Campingstuhl. Um 22 Uhr krieche ich in den Schlafsack.
Tag 15: Camping à la ferme, Neuville - Day-Camping Trintigny, 91 km, 745 Hm
Der Mittwoch beginnt um 5:45 Uhr. Um 8 Uhr bin ich abfahrbereit. Ich will das Rad langsam zu den Sanitäranlagen fahren, um die Flaschen zu füllen. Ich bemerke nicht, dass eines der beiden Gummies reißt, mit dem ich die Zeltrolle befestige. Was ich bemerke ist, dass der Freilauf nicht mehr funktioniert und die Kette vorläuft. Ein Teil des Gummizugs hat sich zwischen Ritzel und Speichen geklemmt und das verhindert den Freilauf. Ich brauche 15 Minuten für das Entfernen des Gummies und die Reparatur des Zugs. Die Enden sind noch vorhanden.
Die Verspätung nervt, denn heute geht es über die Höhen. Es ist ein
schöner Morgen. Nach steiler Abfahrt folge ich dem Canal des Ardennes
für knapp 30 km bis Chémery-sur-Bar. Immer noch habe ich den Wind
im Rücken. Und ich fahre in die richtige Richtung, denn der Aufstieg
nach Bulson, der ersten Bergwertung des Tages, ist deutlich leichter
von hier als von Haraucourt, wo die Steigungen gewaltig sind.
Ich überwinde zwar die Höhen ohne Probleme, die Abfahrt kann ich aber nicht so recht genießen, weil ich das Rad nicht mit vollem Speed den Berg hinunterlaufen lassen kann. Ich muss zu sehr in die Bremsen greifen.
Von Haraucourt nach Remilly-Aillicourt gibt es einen Fuß- und Radweg, der den Namen auch verdient. Er ist breit, gut asphaltiert und liegt oft im Schatten. Bis Douzy gibt es zunächst einen Radweg entlang der D 4, dann muss man auf die Fahrbahn.
In Douzy mache ich einen Abstecher in den Ort und kaufe ein. Bei dem Bäcker dort war ich auch schon einmal. Eine Épicery sorgt für alle weiteren Lebensmittel. Dazu erstehe ich einen Kerzenanzünder, damit ich von den Streichhölzern zum Anzünden des Gasbrenners we gkomme.
Indem ich zur geplanten Route zurückkehre und mir die äußerst
unangenehme D 8043 erspare, eine ehemalige Route National,
empfinde ich die Streckenführung von
Douzy nach Messingcourt entspannter als 2025, obgleich der Rest der
Strecke ab Pouru Saint Remy mit der von damals identisch ist.
In Messingcourt mache ich Rast am Bach, tauche die Kühltücher ins
Wasser und hole den Campingstuhl hervor. Wegen der besonderen Form
der Durchlässe taufe ich die Brücke «Eulenbrücke».
Von meinem Rastplatz bis zum RAVeL-Weg Ligne 165A sind es nur noch
wenige Meter. Die alte Bahnstrecke nach Sainte-Cécile ist vorbildlich
ausgebaut. Sie steigt sanft an, sodass ich die mehr als 100 Höhenmeter,
die sie dabei überwindet, kaum bemerke. Bei Sainte-Cécile will mich
Komoot wieder auf eine Nationalstraße schicken, die N 83, aber
das vereitele ich durch Setzen eines Wegpunkts auf die Rue de
Chassepierre. Dafür bezahle ich mit deutlich mehr Höhenmetern.
Für den Camping les Cabrettes, dessen Zeltwiese gut belegt zu sein scheint, ist es noch zu früh, ich werde einen Platz weiterfahren, der dann den Weg nach Remich am nächsten Tag um 20 km verkürzen soll. Erstmals komme ich so durch den Ort Chassepierre. Im Ort treffe ich eine flämische Familie. Madame spricht gutes, aber auch sehr hartes Französisch ohne Nasallaute. Wir unterhalten uns ein paar Minuten über unsere Urlaube. Flamen sprechen kaum Französisch, die Wallonen kein Flämisch. Ich kenne das von der Schweiz.
Von Chasspierre steigt die Straße steil hinauf, ich fahre kreuz und quer. An der «ersten Möglichkeit links» geht es weiter bergauf, allerdings nicht mehr so steil. Hier bin ich mich auf Wirtschaftswegen. Bis Florenville bleibe ich auf einer Nebenstraße. Der Ort hat einen netten und belebten Kern, den ich aber schon nach wenigen Minuten durchfahren habe. Es folgen 3 km auf einer Nebenstraße, dann zweigt der RAVeL L 625 ab, der zunächst nach einer weiteren, übelen Schotterstrecke aussieht. Der Zustand bessert sich aber und die Spur wird streckenweise über eine sehr schöne Bahnstrecke mit neuen, hellen und breiten Betonplatten durch einen Wald geführt.
Ab Jamoigne fahre ich auf einem Radweg entlang der N 83, der oft 2-3 m von der Straße entfernt ist, durch einen breiten Grünstreifen getrennt. Die Straße bestätigt, was viele sagen, mit denen ich rede: Belgien ist schmutzig, hier fliegt alles aus dem Auto in den Straßengraben oder auf den Radweg, wenn es einen gibt. In der Stadt ist das schlimm, auf dem Land stört es noch mehr.
Für den Camping Trintigny muss man einmal durch den kleinen Ort.
Der 4-Sterne-Platz liegt nordöstlich auf einem ansehnlichen Areal.
Die Stellplätze sind groß, die Sanitäranlagen ausreichend und in
gepflegtem Zustand, am Abend bilden sich kurze Schlangen vor den
Duschen. Jeder Platz ist mit Wasser- und Stromanschluss ausgestattet.
Er kostet mich 26,50 Euro.
Der Platz hat ein kleines Restaurant mit normalen Preisen. Ich bestelle mir was mit Hühnchen, ein Wienerschnitzel will ich nicht. Die Fritten sind o.k, das Gemüse auch. Beim Bier hat man eine Auswahl, Jupiler ist allerdings nicht darunter. An den Namen des Biers, das ich trinke, kann ich mich nicht mehr erinnern, es ist trinkbar und kühl. Beim Essen fallen mir zwei Holländer auf, die sich mit ihren Nachbarn unterhalten. Ich spreche am nächsten Morgen mit ihnen. Sie fahren nach Remich, so wie ich, sind aber zügiger unterwegs. Ich werde sie dort wieder treffen.
Tag 16: Camping Trintigny - Camping Mosella, Remich, 86 km, 680 Hm
Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von den Holländern, die lange vor mir aufbrechen. Zu den Toiletten müssen sie an meinem Platz vorbei. Ich frühstücke wie immer ausgiebig, das mache ich zu Hause so, das ist hier nicht anders. Mit einem Aufbruch um 8:35 Uhr bin ich dann aber doch recht früh.
Ich fahre noch nicht lange, als ich am Ortseingang von Étalle
auf einen Intermarché treffe. Ich halte an und kaufe ein. Ich
«sichere» mir sozusagen mein zweites Frühstück.
Hinter Étalle beginnt die alte Römerstraße, die Chausée Romaine, deren Fahrstreifen mit Betonplatten ausgelegt sind, ab Sampont wird sie zu einer Nebenstraße der N 83, die bald auf die Hauptstraße trifft. Ab da fahre ich auf einem Radweg an oder entlang der N 83, die mich zunächst nach Arlon trägt.
Jeder Tag hat seine Besonderheiten, sein Motto, so auch dieser. Der Primus-Kocher hat mir das Kaffeekochen leichter gemacht. Dass man seine Kartuschen aber nirgendwo bekommt, hat mir das Gerät ein wenig verleidet. Sehr wahrscheinlich führt Decathlon dieses Modell, ausprobiert habe ich es nicht. Man muss das im Internet recherchieren. Ich frage immer mal wieder an einem Supermarché, aber die sind definitiv zu klein. Also betraue ich meine Bodenstation mit der Suche nach Händlern.
Das Ergebnis sind drei Händler in Luxemburg, von denen nur einer
in der Nähe der geplanten Tour liegt, dafür dann aber auch mitten
drauf, in einem Einkaufszentrum weit im Süden von Luxemburg Stadt,
aber nur 30 m von der Route entfernt, auf der anderen Straßenseite.
Trotzdem frage ich in Arlon an einem Bricomarché, finde dort aber
nur die C 206.
In Arlon erreiche ich mit 410 m die größte Höhe dieses Tages. Bis Autelbas fahre ich auf Wirtschaftswegen, bis Kleinbettingen auf Nebenstraßen. Der Name lässt erahnen, dass ich da die Grenze zu Luxemburg passiert habe.
Ich fahre auf einem sehr steilen Wirtschaftsweg in den Wald und mache unweit der Kuppe Rast auf freiem Feld, einer Bank im Schatten. Bis zu meinem Zwischenziel, dem Shopping Center Cloche d'Or am Boulevard Raiffeisen, fahre ich auf Wirtschafswegen, kleinen Nebenstraßen oder Radwegen entlang großer Straßen.
Ich erreiche das große, moderne Gebäude, schiebe das Rad über den Behindertenaufgang näher ans Gebäude und parke es in einer Nische, wo es niemanden stören kann, auch nicht bei einer Evakuierung, und schließe es ab. Sofort stürzt sich jemand von der Sécurité und verlangt, dass ich das Rad auf einen Fahrradparkplatz fahre. Lange nach den Polizistinnen fange ich eine zweite Diskussion an. Da er das Rad nicht schieben kann, versucht er es wegzutragen.
Ich beschließe nach viel zu langem hin und her, das Rad vor dem Portal auf dem Fußweg zu parken und schiebe es zurück. In diesem Moment erscheint ein Krankenwagen vor dem Gebäude, den der Typ von der Sécurité offensichtlich einweisen sollte. Er lässt von mir ab und läuft zum Wagen, während ich das Rad auf dem Bürgersteig neben einem übergroßen Abfalleimer einparke. Da kann es niemanden behindern.
Der nicht gerade oberschlaue Sicherheitsfritze weist den Krankenwagen ein, den er auf dem Bürgersteig abstellen will, unweit vom Abfalleimer. Dabei übersehen sowohl er als auch die junge Fahrerin das Schild «Fußweg», obwohl die Frau am Steuer darum herumfahren muss. Nur Zentimeter bevor der Aufbau mit dem Schild kollidiert, vielleicht einen Daumen breit, kann ich den Krankenwagen stoppen, der zurücksetzt.
Ich verschwinde im Gebäude und bekomme tatsächlich eine Kartusche Primus Gas, zwar die teuerste Variante, Wintergas (??). Die Kartusche muss aus dem Lager herangeschafft werden. Sie hält bei meiner Nutzung etwa 8-9 Tage.
Ich verlasse die Stadt über Hesperange und Alzingen. Hinter dem Ort treffe ich auf eine Straßensperre, explizit auch für Fahrräder. Eine Umleitung sehe ich nicht ausgeschildert, also fahre ich weiter. Ein zweites Schild betont erneut ein striktes Verbot der Durchfahrt. Trotzdem fahre ich weiter, muss dann aber erkennen, dass wegen der Straßenarbeiten hier kein durchkommen ist. Ich veersuche eine Umfahrung durch den Wald, aber die existiert nur noch auf der Karte. Also kehre ich um.
Ich finde trotzdem noch eine sehr gute Abkürzung mit einem kleinen Stück Feldweg am Ende, aber da bin ich praktisch schon an der Nebenstraße nach Hassel, die ziemlich gut frequentiert ist. Über eine wenig befahrene Nebenstraße erreiche ich Filsdorf und schließlich Dalheim, wo erneut die fürs Fahrrad schönere Straße in Richtung Ellange gesperrt ist. Dafür muss man neidlos anerkennen, dass der Zustand der Straßen im Land Luxemburg der beste der gesamten Tour ist.
Von Ellange bis Scheuerberg nutze ich die piste cyclable Jangeli, dann erreiche ich Remich, wo ich mich ein letztes Mal verfahre. Wenig später überquere ich in dichtem Berufsverkehr die Moselbrücke und schwenke nach links herunter zum Camping Mosella.
Der Campingwart zeigt mir nach dem Check-In, so heißt eine Anmeldung
heute, die Gegebenheiten, also die Sanitäranlagen und die Zeltwiese.
Dort treffe ich bereits auf die Holländer. Nach ein paar Worten mit
ihnen fährt ein Eiswagen vorbei. Ich gönne mir eines für 4,50. Da es
sehr warm ist und das Hörnchen vergleichsweise klein, kippe ich das
ganze Konstrukt kopfüber in eine meiner Kaffeetassen. So esse ich
Eis im Becher mit Hörnchen.
Die Zeltwiese ist ein ziemlicher Acker. Zunächst bin ich sehr von der ebenen Parzelle unter Bäumen angetan, dann suche ich verzweifelt einen möglichst gleichmäßigen Untergrund für das Zelt. Schließlich werde ich fündig und baue das Zelt sogleich auf. So wird es immer später.
Da ich auf der deutschen Seite keinen Laden finde, eine Tankstelle
würde sich wegen der Preise in Luxemburg ohnehin nicht halten, fahre
ich über die Moselbrücke ins Nachbarland und kaufe an einer Tankstelle
ein, darunter zwei Büchsen Bitburger. Der einzige Wein, der mir zusagt,
hat keinen Jahrgang, also lasse ich die Finger davon.
Nach Abendessen und Duschen wird es langsam dunkel, deutlich früher als im Westen Frankreichs, wo ich 4° weiter westlich war. Nach erfolglosen Versuchen, den Sternenhimmel zu fotografieren, krabbele ich irgendwann im Schein der Taschenlampe ins Zelt.
Tag 17: Camping Mosella - Camping Weierweiler Mühle, 62 km, 929 Hm
Ich verlasse den Platz gegen 8 Uhr, werfe den Schlüssel für die Sanitäranlagen
in den Briefkasten und folge den Angaben der Navigation.
Zur Ehrenrettung von Kommoot muss ich sagen, dass sich die folgenden, teils
dramatischen Szenen auf Wegen abspielen, die das Programm nicht geplant hat.
Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den Saarlandradweg zu fahren. Die
zugehörige GPX-Datei lade ich mir von einem der Portale einer Touristeninformation
herunter.
Gut, dass ich es gemacht habe, so kann ich die wohl schwierigsten Passagen aus eigener Erfahrung beurteilen. Schon nach wenigen Kilometern biege ich auf eine Straße ein, die mit einem der berüchtigten Steigungsschilder beginnt: «Diese Straße steigt 250 Meter auf 5 km». Kurios ist, dass man den Radweg auf die linke Seite des Aufstiegs gelegt hat, immerhin mit Doppelmarkierung und akustischem Überfahrschutz. Die mäßige Steigung von nur 5% erlaubt ein gerades Hinauffahren.
Bei Tettingen-Butzdorf, die Straße hat noch nicht die Hälfte hinter sich, geht es auf Nebenstraßen durch die Ortschaft. Danach folgt eine Nebenstraße, die nur eine Spur breit ist aber befahren wird. Die Autos müssen halt in den Graben.
Ein Mähdrescher mit Kettenantrieb vorne überholt mich am Berg. Von der Mosel,
wo man sich auf der Höhe 140 m befindet, klettere ich bis zur B 406
260 Höhenmeter bergan.
Entlang der Bundstraße gibt es zunächst einen Wirtschaftsweg, dann geht es für 150 m auf die Fahrbahn. An der Kreuzung mit der B 407 endet die B 406, allerdings ist die sich anschließende L 177 nach Orscholz keinen Deut besser. Diesen fast 7 km langen Abschnitt, bei dem sich Steigungen und Gefälle permanent abwechseln, muss man irgendwie überstehen. Er gehört auch nicht zum Saarlandradweg, der diese Passage umfahren hätte, allerdings auf Kosten der Aussicht auf die Saarschleife. Was soll das?
Bei Orscholz zweige ich zum Aussichtspunkt «Saarschleife» ab. Zunächst
habe ich Probleme den Punkt zu finden, weil es wieder ziemlich bergab
geht. Zudem gibt es einen alternativen, kostenpflichtigen Baumgipfelpfad,
der zu einem ungleich höheren Aussichtspunkt auf einem Turm führt, alles
aufwändig inszeniert, aber für meine Radtour überdimensioniert.
Ich fasse mir ein Herz und fahre den Berg hinunter. Hinter einer Kurve komme ich dann an ein Steingebäude mit Terrasse und Mauer. Die Aussicht wird freigehalten, indem Bäume gefällt und Sträucher geschnitten werden. Ich mache ein Foto von der Schleife, poste es und trete den Rückweg an.
Ich fahre von Orscholz nach Weiten, wo dann das eigentliche Drama auf
der Abfahrt nach Taben-Rodt seinen Lauf nimmt. Zunächst steigt
der Weg noch ziemlich steil um 45 m auf die Höhe 420 m
an, dann fällt er auf einer Länge von 4,3 km mit durchschnittlich
4% ins Tal. Darunter sind einige sehr steile Abschnitte. Dann folgt ein
Hinweisschild mit der Angabe, dass nun 12% Gefälle folgen. Mein Programm
wird aus den Daten später 16% berechnen.
Hätte ich den sogenannten «Radweg» in der Gegenrichtung befahren, wäre ich hier mit Gepäck nicht hochgekommen. Eine Frechheit!
An der Saar ist der Weg natürlich eben und perfekt, glaubt man, aber er
ist geschottert und in schlechtem Zustand. Tiefe Schlaglöcher erfordern
volle Aufmerksamkeit, die man gerne der Landschaft gewidmet hätte. Ich
folge ihm bis zu einer Kapelle, in deren Schatten ich Mittagspause
mache, und weiter bis Mettlach.
Nach einer kurzen und steilen Steigung am Ortsausgang von Mettlach geht es über einen Waldweg entlang der Sportstätten bis zur L 375, die ertäglich steil auf die Höhen führt. Nach etwa 2 km zweigt ein Radweg ab, der nach Hausbach führt. Vor dem Ort liegt eine kleine Passhöhe, 335 m, sodass es bei stetem auf und ab bleibt.
Hinter Hausbach sind noch einmal 100 Hm zu überwinden, bevor der Weg
nach Losheim am See sanft abfällt. Daran ändert sich nichts mehr bis
Münchweiler. Kurz vor dem kleinen Ort rutscht mir das Fahrrad vor einer
Brücke über den Losheimer Bach ab. Beim Herunterschalten springt die
Kette über, was das Rad an der kurzen, steilen Auffahrt zur Brücke
zum Stehen bringt. Ich springe ab und halte es mit einer Hand fest.
Ich brauche beide Hände, um es wieder auf den Weg zu ziehen.
Von Münchweiler zum Camping Weierweiler Mühle sind es nur noch
vier Kilometer, aber auf den vorletzten zwei davon fahre ich über 60
Höhenmeter, am Ende sind es 929. Vor 40 Jahren hatte ich schon einmal
2.700 Hm auf dem Tacho, aber für die Rechnung der Neuzeit, die
im Frühjahr 2025 mit der GARMIN Instinct 2X Solar begann, ist das
ein neuer Rekord.
Der Campingplatz Weierweiler Mühle ist nur bedingt auf Tagestouristen eingestellt. Ich hatte angerufen, ob ich kommen könnte, und hatte eine Zusage bekommen. Der Platz hat eine kleine Kneipe, aber ohne Bier vom Fass, dafür eine gemütliche Terrasse in einem sensationellen Ambiente. Man sitzt oberhalb der Mühlteiche mit schönem Ausblick. Essen gibt es auch nicht, aber man reicht mir den Flyer eines Pizzadienstes. Ich zahle etwa 12 Euro für die Übernachtung.
Ich bekomme einen netten Platz auf der Wiese zwischen Bar (hier befinden sich auch Sanitäranlagen) und Mühlteich zugewiesen. Es treffen dann noch weitere Personen ein, alle mit Kennzeichen der Region.
Da ich auch für den nächsten Tag kein Brot mehr habe, wähle ich als
Format für die Quattro Stagioni «Party», 30 mal 60 cm². Ich esse die
Hälfte am Abend, den Rest packt man mir in Alufolie ein für den
nächsten Morgen. Ich habe noch am nächsten Mittag etwas davon.
Andere Gäste bekommen auch Hunger und bestellen eine weitere, große
Fuhre. Ich sitze in amüsanter Runde und esse krankheitsbedingt
langsam.
Zusammen mit den beiden Bier nach der Ankunft vertilge ich an diesem Abend 9 Flaschen Bit. Nachdem die anderen Gäste gegessen haben und aufbrechen, schließt die Bar. Das Zeichen für mich, ebenfalls schlafen zu gehen.
Tag 18: Camping Weierweiler Mühle - Camping Bostalsee, 48 km, 629 Hm
Um 8:30 Uhr bin ich bereit zum Aufbruch. Ich fülle die Wasserflaschen,
bereite die Kühlung vor und sichere die Aufhängung der Lenkertasche mit Splinten.
Den ersten Schreck jagt mir ein Schild ein, das eine umgerechnet
fast 9%-ige Steigung ankündigt. Am Ende ist alles halb so wild, da
die Steigung hinauf nach Weiskirchen weniger als 7% beträgt. Sie
fühlt sich auch so an.
Gestern hatte ich am Camping Bostalsee angerufen und gefragt, bis wann ich ankommen könne. Aber ich habe gut daran getan, nicht soweit zu fahren, denn dann wären noch einmal 620 Höhenmeter dazu gekommen, wieder auf absurd steilen Strecken. In Weiskirchen weiche ich von der geplanten Strecke ab, weil ich in Thailen Bargeld abheben will, 200 Euro. Der Umweg ist klein, der Nutzen groß, denn einige Campingplätze und Bars lassen Kartenzahlungen erst ab einem gewissen Betrag zu.
Der mittlere Streckenabschnitt ist massiv steil. Viele Passagen schaffe ich nur, weil ich kreuz und quer über die Straße fahre. Dabei hole ich fast einen Stromradfahrer vom Rad, der sich am Rande vorbei quetschen muss. Seine Frau kommt dem Sturz noch näher. Wie dämlich muss man sein, die Situation derart falsch einzuschätzen? Klingeln hätte genügt. Kein Wunder, dass von denen so viele verunglücken.
Ich folge dem Primsradweg vom Industriegebiet Lockweiler West bis zur
Talsperre Nonnweiler. Dieser gut 15 km lange Abschnitt gehört
zu den entspannteren des Tages, auch wenn der Aufstieg zum Damm eine der
steilsten Steigungen des Nachmittags ist. Teilweise auf Wirtschaftswegen
durch die Flussauen geführt, fühlt sich die Steigung stets moderat an.
Man verlässt die Talsperre auf einem Waldweg mit starkem Anstieg zum Parkplatz am Keltenpark, um dann mit einer Senke bei Schwarzenbach zum Sinnenberg aufzusteigen, meist auf Wirtschaftswegen. Hier erreicht der Weg die Höhen 580 m. Bis zum Bostalsee, wo ich auf den Naheradweg treffe, geht es von dort mit einem mittleren Gefälle von 4,5% bergab.
Der See ist ein großer Freizeitpark und an diesem Samstag bei bestem
Wetter und hohen Temperaturen gut besucht. Ich folge einem Schotterweg
bis zum Campingplatz, der bei camping.info mit 5 Sternen notiert ist.
Der Chef, der sehr hilfsbereit ist und sich um seine Gäste kümmert,
zwinkert mit dem Auge, als ich ihn nach seinem 5. Stern frage.
Der Campingplatz Bostalsee ist groß und flexibel hinsichtlich der Aufnahme von Einzelwanderern. Es gibt kein Tor und keine Duschmarken, aber eine Karte mit 10 Euro Pfand als Zugang zu den Duschen. Die Stellplätze sind hinreichend eben, vor allem die Zeltplätze, die es als Parzellen oder auf einer großen Zeltwiese gibt. Strom ist am Platz und im Preis von 26,50 Euro inbegriffen, Wasser in der Nähe. Die Sanitäranlagen sind sauber, modern und in der Zahl üppig bemessen.
Es gibt kein Restaurant aber eine Art Fritten- und Würstchenstand mit Sitzgelegenheiten und kalten Getränken. Ich habe bereits ein einfaches Abendessen hinter mir und trinke ein Bit, oder zwei. An diesem Tag überschreitet die Zahl der Kilometer erstmals die 1500er Marke. Die Tour ist damit die längste seit 1993. Und noch liegen mehr als 270 km vor mir.
Tag 19: Camping Bostalsee - Camping Nahemühle, 76 km, 580 Hm
Der Sonntag beginnt mit einer Katastrophe. Beim Verlassen der Parzelle
stelle ich fest, dass der Freilauf nicht mehr funktioniert. Diesmal ist
es definitiv die Mechanik. Ich baue das Hinterrad vor den Sanitäranlagen
aus, kann aber nicht erkennen, was ich wo reparieren kann.
Zwar bekomme ich hin, dass der Freilauf
bei starker Spannung der Kette eine Umdrehung erlaubt, aber auch nicht
mehr. Das Fahren ohne Freilauf bedeutet, dass die Kette die Pedale
unentwegt bewegt. Wenn ich nicht schnell genug treten kann, muss ich
bremsen. An diesem Tag wird mir auch niemand helfen können. Wegen des
Reparaturversuchs komme ich spät los. Immerhin kann ich mir die Hände
waschen.
Die 76 km bis zum nächsten Campingplatz werden eine Tortur. Immer wieder vergesse ich, dass ich unentwegt härter treten muss als sich das Rad bewegt. Trotz einiger Zwischenfälle bringe ich das Rad bis ins Ziel. Eine gerissene Kette oder ein abgerissener Kettenwerfer wären das Ende der Radtour.
Unweit des Bostalsees trennen sich in Nohfelden Saarland- und Naheradweg. Wer nun glaubt, dass mit dem Erreichen der bei Bingen in den Rhein mündenden Nahe die Zeit der steilen Steigungen vorbei sei, irrt. Der Radweg überwindet zwischen Nohfelden und Neubrücke 50 Hm bei einer Länge von 1,6 km bis zum höchsten Punkt. Der steilste Abschnitt weist 6% auf.
In Neubrücke kaufe ich eine Cola an einer Tankstelle, die Hälfte trinke ich vor Ort. Den Zucker werde ich in kürzester Zeit verbrannt haben, denn der Weg steigt alsbald wieder an hinauf zur Kreisstadt Birkenfeld, von dort weiter bis zur B 41 bei Schmißberg. Hier angekommen hat man fast 100 Hm überwunden. Danach gibt der Weg die gewonnenen Höhenmeter sehr schnell wieder ab. Die Abfahrt nach Elchweiler ist ziemlich steil. Die Bremsen kommen nicht zur Ruhe.
Zwischen Burbach und Kronweiler folge ich zunächst der B 41 auf einem
Radweg, dann der L 173. Ab Kronweiler geht es durch den Wald, asphaltiert
aber auch wieder 50 Hm steil bergauf.
Der letzte steile Anstieg für heute liegt zwischen Hammerstein und Idar-Oberstein, etwa 70 Hm. Vom höchsten Punkt der Strecke hat man einen schönen Bliick auf die Rilchenbergkaserne jenseits der Nahe. Die steile Abfahrt führt mich direkt zum Bahnhof von Idar-Oberstein. Dort mache ich eine kurze Rast, packe aber nichts aus außer einem Snickers, das den größten Hunger stillt.
Hinter Idar-Oberstein wird es dann tatsächlich eben und die Tendenz
fallend. Bis zum Tagesziel macht das 100 Hm aus. Der Weg folgt
Wirtschaftswegen, Orts- und Nebenstraßen sowie Radwegen an Hauptstraßen.
Für einen Flussradweg sind mir die romantischen, am Fluss geführten
Abschnitte entschieden zu kurz. Die Bebauung entlang der Route reißt
praktisch nicht ab.
Der Campingplatz Nahemühle liegt gut einen Kilometer vor Monzingen. Er bietet einen kleinen Verpflegungspunkt, der aber nur geöffnet ist, wenn es sich lohnt, wenn genug Gäste am Platz sind. Die Sanitäranlagen sind sauber, die Duschen sind die besten der Tour mit Armaturen, die ich so nur von zu Hause kenne, mit Überkopf- und Handdusche. Sie arbeiten ohne Duschmarken.
An diesem Aben gibt es noch kühle Getränke, ich nehme mir drei Kirner Pils mit ans Zelt. Die Zeltwiese ist groß. Etwa 50 m entfernt steht ein VW-Bus T3 mit Campingausstattung und festem Hochdach. Der Fahrer, Hans, lädt mich auf ein Glas Wein an den Bus ein. Ich nehme mir etwas zu essen mit. Es wird ein netter Abend. Als ich von dem defekten Freilauf erzähle, sagt er: «Wenn mir so etwas passieren würde, wäre die Tour zu Ende und ich säße im nächsten Zug. Da bist Du anders gestrickt.»
Tag 20: Camping Nahemühle - Weiler, 54 km, 380 Hm
Vom Campingplatz fahre ich nach Sobernheim, wo ich beim Radservice
Jung vorstellig werde. Nach Abladen und Ausbau des Hinterrads stellt
der Chef fest, dass der Freilauf ersetzt werden muss. Vor Ort geht das
nicht. Also lade ich auf und fahre weiter.
Bevor ich Bad Kreuznach erreiche, steht hinter dem Niederthaler Hof noch eine Bergprüfung auf dem Programm. Der Weg ist steil aber wenig befahren, sodass ich mit «Meandrieren» gut klarkomme. Die Abfahrt ist anspruchsvoll ohne Freilauf, da der größte Gang nicht reicht, um mitzutreten. Also bin ich viel mit der Bremse unterwegs.
Zwischen Niederhausen und Bad Kreuznach verdient sich der Radweg
seinen Namen. Erstmals geht es für längere Zeit durch die Naheauen.
Von Bad Münster am Stein-Ebernburg versuche ich Freunde anzurufen,
um sie auf einen Kaffee zu besuchen, aber es geht niemand ans Telefon.
Wegen des Problems mit dem Freilauf hatte ich nicht früher anrufen
wollen. Ich selbst bin verwundert, dass ich es bis hier geschafft
habe.
Der kaputte Freilauf behindert mich, aber irgendwie schaffe ich es, die besonderen Anforderungen an das Fahren zu verinnerlichen. Es kommt immer seltener dazu, dass die Kette aufläuft.
In Bad Kreuznach kaufe ich etwas zu trinken in einem größeren Kiosk,
unmittelbar hinter der Brücke mit den Brückenhäusern. Danach folge
ich der Nahe auf Nebenstraßen, die an der Pfingstwiese in einen
Radweg auf der Deichkrone übergehen.
Bis Bretzenheim ist der Weg eher unansehnlich, bis Münster-Sarmsheim geht es dann wieder über Wirtschaftswege, vorbei an Langenlosheim und Gensingen. Bei Grolsheim und Dietersheim führt der Weg mitten durch den Ort. Unangenehm ist nur die Passage über die Nahebrücke, aber die kann ich dem Naheradweg nicht ankreiden.
Ca. 8 km vor Weiler lasse ich Google die Route berechnen.
Über die Talstraße in Münster-Sarmsheim führt der aus Mitteln
der EU mitfinanzierte Weg hinauf auf die Höhen. Nach einigen
hundert Metern biegt man rechts ab auf eine Schotterpiste,
dann scharf links. Schließlich erkenne ich den Weg wieder,
den wir vor Jahren, zu Fuß von Rümmelsheim kommend, genommen
hatten und der durch die Krebsbach führt. Gegen 16 Uhr erreiche
ich Weiler.
Tag 21: Weiler bei Bingen - Bonn, 141 km, 240 Hm
Ich hatte mir fest vorgenommen, die Tour nicht über drei Wochen auszudehnen. Da ich bereits
20 Tage unterwegs bin, muss ich folgerichtig die letzten 140 km an einem Tag fahren.
Das Wetter ist an diesem Dienstag wieder gegen mich. Große Hitze um 32°C und starker Gegenwind
am späten Nachmittag bis 40 km/h lassen Böses ahnen. Zudem ist für Koblenz ein Gewitter
angekündigt. Auf der Haben-Liste steht, dass ich den Weg schon sehr oft gefahren bin.
Ich stehe früh auf, frühstücke gut, schmiere Brote für die Fahrt und verabschiede mich von der Verwandtschaft. Kurz vor 8 Uhr bin ich bereits unterwegs. Wegen der Baustelle am neuen Kreisverkehr in Bingerbrück und der Totalsperrung der Straße nach Weiler fahre ich durch die Müh' und über die Drususbrücke zur Nahemündung. Dass ich drei Wochen ohne Regen auf Tour war, zeigt eindrucksvoll das Bild vom Mäuseturm in Bingen, wo man mehr Land als Wasser sieht.
Wie immer ersetze ich am Brunnen der Rhenser Mineralwasser den Inhalt der Wasserflaschen
gegen Mineralwasser ohne Kohlensäure, das permanent und sehr langsam aus einem kleinen
Hahn fließt, hier ein Archivbild. Am Brauchwasserbrunnen daneben tauche ich alle Tücher
ins Wasser und verschaffe den Flaschen so weitere zwei Stunden Kühlung. Kurze Zeit später
erreiche ich den Koblenzer Biergarten im Süden der Stadt. Die Brauerei begann 1689 in der
Altstadt von Koblenz. Sie wurde 1885 verlegt und war seither als «Brauerei an der Königsbach»
bekannt. Aus jener Zeit
stammen noch viele Biergläser. Da Zucker schneller in den Blutkreislauf gelangt als
Kohlenhydrate, nehme ich meist Nussecken dazu, oder einen Kuchen, wenn es diese nicht gibt.
Ich halte die Pause kurz und bin so in der Lage, dem Regen in Koblenz nach Norden zu entkommen. Ich mache noch einen weiteren Halt in Bad Breisig für ein großes Glas Bitburger, am Rand des Regengebiets. Nach Süden hin ist der Himmel finster. Von hier aus habe ich noch 35 km vor mir, die ich wegen des Gegenwinds, der gegen Abend wie vorhergesagt mächtig auffrischt, nicht ohne eine weitere Butterbrotpause unter die Räder nehme.
Nach 1.800 km und 10.000 Höhenmetern bin ich gegen 21 Uhr wieder zu Hause. Das Rad geht am Tag danach zur Reparatur. Es wird auf ein komplett neues Hinterrad herauslaufen nach nur 45.000 km Laufleistung.